Tränen verschaffen der Seele Luft

Veröffentlicht von Matthias Haasler am Sa., 19. Mär. 2016 19:09 Uhr
Theologie

Als Kind bin ich noch aufgewachsen mit dem Spruch: hör auf zu weinen, Indianer kennen keinen Schmerz. Ein Junge weint nicht. Es ist erstaunlich, wie sich diese Einstellung bis heute in vielen Köpfen hält: Jungen und erst recht Männer weinen nicht. Sie haben ihre Gefühle, ihre Emotionen im Griff, gehen vernünftig an eine Sache heran.

Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn dann doch einmal ein Mann in Tränen aufgelöst zu sehen ist. Wie tief muss der Abgrund sein, in den er gerade blicken muss. Allerdings ist der Schmerz noch größer, wenn einer gerne weinen möchte und es fließen keine Tränen. Dann bleibt bloß untröstliche Verzweiflung. Denn mit den Tränen bricht etwas heraus, bricht etwas auf. Ein Schmerz löst sich, verschafft sich Gehör, tritt an die Oberfläche. Tränen reinigen, spülen weg, verschaffen der Seele Luft. Wann haben Sie das letzte Mal geweint? Beim Abschied der Kinder, die so weit weg wohnen ? Nach einem heftigen Streit, bei dem keiner am Ende Recht hatte? Am Grab, das die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft raubte, in dem sie buchstäblich begraben liegt? Sicher gibt es Menschen, von denen man sagen kann, sie haben nah am Wasser gebaut. Aber sie haben es vielleicht auch leichter als andere, denn sie erleben keinen Gefühlsstau, an dem man kann krank werden kann. Wer weint, gibt anderen ein Signal: du bedrängst mich, du verletzt mich. Ich bin hilflos und habe Angst.

Manchmal weinen wir aber auch vor Glück, im Zustand tiefster empfundener und erfahrener Liebe. Es gibt auch Musik, die mich zu Tränen rührt. Warum also nicht weinen? Es gibt so viele Anlässe und Gründe. Warum der Seele Gewalt antun? Wir sind doch als Weinende nicht allein. Wir befinden uns doch in guter Gesellschaft. Jesus hat in den Tagen seines Lebens unter Tränen gebettelt, gefleht und gebetet. So drastisch und nüchtern beschreibt der Hebräerbrief es im 5. Kapitel. Da ist nichts mit „losgelöst von allem irdischen“, „über allen Dingen schwebend und thronend“, „mächtig und ungerührt“ wie ein Herrscher, der hart sein muss, um des Erfolges willen. Jesus ließ sich die Dinge zu Herzen gehen. Er litt unter seinem Weg, an seinem Schicksal, auch an dem was Menschen bevorsteht oder was sie erlebt haben. Das Leid und das Elend, das Krieg und Gewalt verbreiten, gingen ihm zu Herzen. Jesus wird einen Blick auf all die bekannten und unbekannten Orte gehabt haben, wo Menschen umgekommen sind, umkommen und umkommen werden, egal ob im Krieg in Syrien oder bei Selbstmordattentaten in Afghanistan und im Irak oder unter den Trümmern von Coventry und Dresden. Wäre es anders, bliebe alle Menschlichkeit, bliebe seine Menschlichkeit auf der Strecke.
Er kämpfte mit den Tränen, als er im Garten Gethsemane mit Gott um seinen Weg, sein Schicksal, sein Leben rang. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“.

Da ist einer ganz unten angekommen, da kämpft einer um sein Leben, will sich nicht einfach so seinem Schicksal ergeben. So als wollte er ein für alle Mal allen sagen und deutlich machen: Kampflos muss man sein Leben nicht hergeben, keiner! Es lohnt sich, in jeder Situation erst einmal um das Leben zu kämpfen. Keine Diagnose, keine Situation, keine Nachricht muss von vornherein das Todesurteil oder das Ende sein. Jesus ringt und kämpft und betet. Der einzige Unterschied mag sein, dass Jesus sein Los, anders als wir Menschen es meist tun, nicht Gott vorwirft, sondern sein Leben in Gottes Hand legt: „Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille.“ Wir beten es jeden Sonntag im Gottesdienst.

Für Jesus war das ein Lernprozess, ein lebenslanger Prozess, bis er so beten und viel mehr noch am Ende auch so sterben konnte, als einer, der sich in Gottes Willen geborgen weiß und darauf vertraut, dass er in seinem Gottvertrauen nicht verloren gehen kann. Keiner muss sich also schämen, wenn er noch am Lernen ist, sein Leben in Gottes Hand geborgen zu wissen. Keinem ist es verboten zu klagen, zu flehen und zu beten – schon gar nicht, wenn es ums Leben geht. Wir haben den Gottessohn, den Menschenbruder, auf unserer Seite. Und weil das so ist, dürfen auch wir – Männer, Frauen und Kinder – weinen, denn unsere Tränen verschaffen der Seele Luft. Und, sind unsere Tränen dann nicht auch ein Zeichen des Gottvertrauens?

Christian Kumbier

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