Jahreslosung 2015

Veröffentlicht von Christian Müller am Mo., 21. Mär. 2016 10:49 Uhr
Theologie

»Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zur Ehre Gottes.«

(Röm 15,7)

Jahreslosung für 2015

Bearbeitung eines Textes von Achim Detmers, Generalsekretär des Reformierten Bundes - durch Pfarrer Stephan Schaar


Gern werden für die Monatssprüche sowie Jahres- und Tageslosungen Bibelstellen ausgewählt, die - zumindest auf den ersten Blick - allgemeingültige Wahrheiten bieten. Wenn ein Bibelvers sperrig klingt, dann hat er kaum Chancen, in den Fundus der Herrnhuter Lostrommel zu gelangen und eines Tages auch mal als Jahreslosung zu dienen.

»Selig, wer bei dem, was er zu prüfen hat, nicht mit sich ins Gericht gehen muss!« (Röm 14,22) – dieser Vers würde vermutlich nie als Jahreslosung akzeptiert werden. Hingegen: Christus nimmt uns an – wir nehmen einander an – und das alles zur Ehre Gottes (15,7). Das klingt so wunderbar einfach und plausibel, ideal, um damit ein Jahr zu überschreiben. Und doch bleibt die Jahreslosung, wenn man sie ganz auf dieser Assoziationsebene belässt, unkonkret und letztlich nichtssagend.

Doch Paulus hatte in Wahrheit eine sehr präzise Vorstellung davon, warum er der römischen Gemeinde genau dies schrieb. Und das hat z.B. mit dem oben zitierten Vers in 14,22 zu tun, der als Jahreslosung durchfallen würde. Hinter Röm 15,7 steht nämlich ein gewaltiger Konflikt, der Paulus nötigte, den längsten und wohl auch bedeutendsten Brief des Neues Testaments zu verfassen.

Die Hintergründe:

In der christlichen Gemeinde Roms war es schon früh zu Konflikten mit der Synagogengemeinde gekommen. Offenbar waren judenchristliche Missionare so heftig mit Gliedern der jüdischen Gemeinde aneinandergeraten, dass die anschließenden Tumulte Kaiser Claudius im Jahre 49 n. Chr. veranlasst haben, die Ausweisung der Juden aus Rom zu verfügen. Aber auch Juden und Jüdinnen, die den christlichen Glauben angenommen hatten, wie Aquila und Priscilla, waren von der Vertreibung betroffen. Dadurch verwandelte sich die römische Gemeinde in eine rein heidenchristliche Gemeinde. Erst fünf Jahre später (54 n. Chr.) wurde das Edikt durch Kaiser Nero aufgehoben; Juden bzw. Judenchristen durften nach Rom zurückkehren.

Dieser Umstand führte der (heiden-)christlichen Gemeinde in Rom zwei ungelöste Probleme vor Augen. Erstens die Frage: “Wie verhält sich die christliche Gemeinde gegenüber jenen, die ihre Lebensweise an der Tora ausrichten?” Zweitens: “Wie halten wir es mit der Synagogengemeinde in Rom?"

In genau dieser Situation beabsichtigte Paulus, nach Rom zu reisen. Vorab schrieb er einen Brief an die römische Gemeinde und nahm darin Stellung zu exakt den beiden Konflikten. Das geht unmittelbar aus dem Brief hervor. Zwar kannte Paulus die römische Gemeinde noch nicht, er zeigte sich aber über die Vorgänge dort informiert. Und deshalb richtete er seinen Brief vorrangig an den heidenchristlichen Teil der Gemeinde, dem er ins Gewissen reden wollte.

Diesen Heidenchristen sicherte Paulus zunächst zu, dass sie um Christi willen gerechtfertigt seien, ohne dass sie sich beschneiden lassen und die ganze Tora halten müssten. Aber um ein Auseinanderbrechen der Gemeinde in einen juden- und einen heidenchristlichen Teil zu verhindern, betonte Paulus, dass alle gemeinsam Kinder Gottes seien. Und in 14,1-15,12 ermahnte er zudem die Heidenchristen, es wegen der Speisevorschriften der Judenchristen (und des Sabbatgebotes) nicht zu einem Bruch der (Tisch-)Gemeinschaft kommen zu lassen.

In den Kapiteln 9 bis 11 nahm Paulus schließlich ausführlich dazu Stellung, dass die Mehrheit des Judentums vom Erscheinen Christi unbeeindruckt geblieben war, und warnte die vorwiegend heidenchristliche Gemeinde Roms vor einer unangemessenen Überheblichkeit gegenüber dem Judentum (11,13-29).

Der Römerbrief des Paulus ist im Grunde eine einzige Auslegung von Habakuk 2,4 und Jesaja 28,16b. Mit Hilfe dieser Auslegung wollte Paulus zeigen, dass im Blick auf das Verhältnis zu Gott allein das Vertrauen entscheidend ist, unabhängig davon, ob jemand beschnitten ist oder nicht. Damit wehrte er sich gegen die Auffassung, dass der Zugang zum Gott Israels an die Beschneidung und die Einhaltung der Gebote gebunden sei.

Mit anderen Worten begründete Paulus im Römerbrief die Rechtfertigung der Heiden. Er verstand diese Rechtfertigung als eine Eingliederung der Heidenchristen in die Erwählungs- und Hoffnungsgeschichte des erst- und bleibend erwählten Israel. Die Heidenchristen müssten sich dafür nicht beschneiden lassen oder zum Israel-Judentum übertreten. Die Grundlegung für diese Eingliederung fand Paulus in der Hebräischen Bibel, in Kraft gesetzt sah er sie durch die Auferweckung Jesu Christi. In diesem – über die Treue zu seinem Volk hinausgehenden – Handeln Gottes an den Heiden sah Paulus die volle Bundestreue Gottes erfüllt.

Indem die jüdischen Meinungsführer diese Dimension des Handelns Gottes nicht akzeptierten und den Zugang zur Erwählungs- und Hoffnungsgeschichte Israels an die Einhaltung der ganzen Tora banden, richteten sie eigene Maßstäbe auf für das was “Bundestreue” genannt werden durfte. Paulus kritisierte also, dass sie ihre eigene Prämisse zur Bedingung des Handelns Gottes an den Heiden machten. Für ihn war jedoch die Heiden ausgrenzende Funktion der Tora durch Christus aufgehoben, so dass auch den gläubigen Heiden die Bundestreue Gottes zuteil werde.

Die Tatsache, dass Juden mehrheitlich vom christlichen Glauben unbeeindruckt blieben, war für Paulus keineswegs ein Zeichen der Verwerfung Israels. Vielmehr wurde das von ihm als ein gottgewolltes Geschehen gedeutet, um den Heiden in der Phase der Endzeit die Teilhabe an der Geschichte Israels zu ermöglichen. Aus diesem Grunde, so Paulus, hätten die Heidenchristen kein Recht, sich gegenüber dem ersterwählten Volk Israel zu erheben, denn nicht die Rettung der Völkerwelt sei das Ziel des Handelns Gottes, sondern die Rettung ganz Israels. Auch wenn beide gleichermaßen von der Barmherzigkeit und Gnade Gottes lebten, so sei es die (heidenchristliche) Kirche, die in die Verheißungsgeschichte Israels einbezogen werde, nicht umgekehrt; und an ihrem Verhalten Israel gegenüber entscheide sich ihr Verbleiben im Ölbaum.

Worauf es ankommt:

In Kapitel 14,Verse 13-23 unterstrich Paulus, dass für ihn keine Speisen aus sich selbst heraus unrein seien; man müsse davon aber beim Essen fest überzeugt sein, sonst heuchle man vor Gott. Zudem sah Paulus das Problem, dass man durch den Verzehr nichtkoscheren Fleisches die andere Gruppe in der Gemeinde verletze. Hier gelte es, in Liebe Verzicht zu üben. Denn der Glaube an Christus ziele nicht auf die Freiheit zu essen, sondern auf das Reich Gottes, auf Frieden und gegenseitige Erbauung. Denn, so ergänzte Paulus in Kapitel 15, auch Christus habe sich nicht selbst gefallen, sondern Verzicht und Demütigung ertragen.

Und in diesem Zusammenhang heißt es nun: »Darum nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat, zur Ehre Gottes.« (15,7). Mit diesem Vers versuchte Paulus, die zerstrittenen Gemeindegruppen in eine neue Haltung zu bringen. Nicht das Pochen auf Prinzipien und Überheblichkeit fördere das Wohl und den Zusammenhalt der Gemeinde, sondern Verzicht und Geduld im Sinne Christi. Dies diene der Ehre Gottes.

Und um die zerstrittenen Gemeindegruppen abschließend zu überzeugen, fügte Paulus ein weiteres Argument hinzu, das seine bisherige Herangehensweise im Römerbrief zusammenfasste, ja auf die Spitze trieb: Christus sei ein Diener der Beschneidung geworden, um die Verheißungen der Väter zu bestätigen, damit auch die Heiden durch ihre Begnadigung den Gott Israels verherrlichen könnten. Das hieß, der Streit in der römischen Gemeinde sei geradezu lächerlich, wenn man sich vor Augen führe, dass Christus ein Diener der Juden und genau darin ein Hoffnungszeichen für die Heiden geworden sei. Speise- und Feiertagsgesetze verschämt zu missachten oder demonstrativ hochzuhalten, hintertreibe also das Christusereignis.

Einanderanzunehmen - das ist also mehr als in freundliches aufeinander Zugehen, es ist vielmehr (wohl auch bei uns heute, unter wahrlich ganz anderen Rahmenbedingungen) ein beharrliches Arbeiten an oft mühevollen Kompromissen, und zwar nicht um des “lieben Friedens” willen, sondern um die Einheit der Gemeinde zu wahren.

Mir fielen dazu eine Fülle von Beispielen ein. Ihnen auch das eine oder andere? - Nun, dann wissen wir ja, wo hinein wir unsere Energie stecken sollten - und auch, wofür wir Gott um seien Beistand, seinen Segen bitten wollen.

Bleiben Sie bewahrt!

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