Thesen zum Gottesdienst

Veröffentlicht am Fr., 17. Feb. 2017 12:11 Uhr
Theologie
von Stephan Schaar
  1. Jeder Gottesdienst ist eine GEMEINDEVERSAMMLUNG.
    Geht man von dem Jesuswort aus: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen braucht man zwingend weder einen sakralen Ort (Kirche) oder eine heilige Zeit (Sonntag) noch einen (ordinierten) Priester/Pfarrer, um Gottesdienst feiern zu können; wohl aber bedarf es einer GEMEINDE.
  2. Unsere evangelische Gemeinde Jesu Christi in Berlin-Tempelhof im Jahre 2017 steht am vorläufigen Ende einer langen Traditionskette christlicher Überlieferung, die sie mit Christenmenschen anderer Zeiten und Orte sowie anderer Bekenntnisse ökumenisch verbindet.
  3. Christenmenschen, die sich vor dem Hintergrund dieser Tradition vor Gott miteinander versammeln, und zwar an diesem Ort zu dieser Zeit, bringen - ob bewusst und gewollt oder nicht - ihren je eigenen Glauben [1], ihre gegenwärtigen Lebensfragen und derzeitigen, bruchstückhaften Antworten hinein in jede Gemeindeversammlung. Dies sollte sich auf Form und Inhalt dieser Veranstaltung auswirken, damit die vielerlei Gaben in einem Geist zum gemeinen Nutzen eingebracht werden können.
  4. Eine GEMEINDEVERSAMMLUNG wie z.B. der Gottesdienst kann durchaus von einer oder mehreren Personen verantwortlich geleitet werden; Unbeteiligte aber ("Gottesdienstbesucher*innen") gibt es im strengen Sinne nicht - ALLE SIND TEILNEHMER*INNEN.
  5. Die aktualisierende Aneignung des Evangeliums [2] geschieht dadurch, dass sich die Gemeinde mit ihren Lebens-Fragen jenen Antworten aussetzt, die Gott in seinem Wort, welches nicht allein in den niedergeschriebenen Buchstaben der Bibel zu finden ist, uns gibt.
  6. Die Vergegenwärtigung der Weg-Gemeinschaft, was Communio Sanctorum [3] m.E. bedeutet, geschieht außer im GEMEINSCHAFTSMAHL u.a. im GEMEINSCHAFTLICHEN ANBETEN in Psalm, Lied und Gebet. Also muss es in ihnen darum gehen, möglichst realitätsnah Erfahrungen von Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung etc. TEILGEBEND zur Sprache und damit vor Gott zu bringen.
  7. Auch als wanderndes Gottesvolk (siehe Mat. 20,28 oder Hebr. 12/13!) brauchen wir Beheimatung in freundlichen Räumen und einer zeitgemäßen Ästhetik, also passende Kunst und Musik in der Kirche sowie eine angemessene Sprache.
    Bei aller Ehrfurcht vor unserer Überlieferung und der Verbundenheit mit denen, die vor uns als Christinnen gelebt haben: Im Museum ehrwürdiger Traditionen lässt sich meines Erachtens weit weniger glaubwürdig feiern, dass wir mit Gott auf dem Weg sind in sein verheißenes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, als wenn wir diesem “Museum” Wertvolles entnehmen und es zeitgemäß verwenden.
    In diesem Sinne wünsche ich mir einen bewusst auswählenden Umgang mit überliefertem Liedgut, ein überlegtes Verwenden von (selbst formulierten oder vorgefundenen) Texten (z.B. sprachlich treffende Bibelübersetzung) und den Mut, das Eigene (z.B. Glaubensbekenntnis) ebenso ernst zu nehmen wie das, was unsere Väter und Mütter im Glauben uns überliefert haben.
  8. “Den” evangelischen Gottesdienst gibt es nur im Hinblick auf das Bewusstsein einer Freiheit, Gottesdienste je und je gemeinsam verantwortlich zu gestalten.

Februar 2017


Endnoten:

[1]. Gemeint sind die individuellen und kollektiven Erfahrungen und Erwartungen an Gott und die Nächsten.
[2]. Also sich die Frohe Botschaft im Hier und Heute gesagt sein lassen.
[3]. Gemeinschaft der Heiligen (Formulierung aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis)

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