Gedenke!

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Veröffentlicht von Stephan Schaar am Di., 28. Jan. 2020 10:41 Uhr
Theologie

Der evangelische Pfarrer Martin Niemöller, in jungen Jahren U-Boot-Kommandant im Ersten Weltkrieg, anfangs Anhänger, später aber Kritiker des Nazi-Regimes und deswegen inhaftiert erst im KZ Sachsenhausen, dann in Dachau; in der Nachkriegszeit Kirchenpräsident in Hessen und an seinem Lebensende Mitglied der Friedensbewegung, schrieb im Rückblick auf seinen Lebenslauf:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Wenn heute ähnliches geschieht, dürfen wir nicht mit den Schultern zucken.

Daß unsere Gleichgültigkeit der Wiederholung des Grauens Tor und Tür öffnet, war für meine Wahrnehmung die wiederkehrende Warnung der Überlebenden bei der gestrigen Gedenkfeier aus Anlaß des 75. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz.

An zentralen Stellen der Bibel werden wir aufgefordert, nicht zu vergessen, sondern zu gedenken bzw. zu vergegenwärtigen.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat, ermahnt sich der Beter des 103. Psalms selbst. - Denn wie leicht gerät in Vergessenheit, wofür man allen Grund hat, ein Leben lang dankbar zu sein!

Aber auch die umgekehrte Sichtweise ist in der Bibel enthalten. In den zehn Geboten heißt es warnend: Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Vorfahren heimsucht an den Nachkommen bis in die dritte und vierte Generation, bei denen, die mich hassen.

Daß dies keine leere Drohung ist und keine Behaftung bei  einer Schuld, die andere auf sich geladen haben, sondern bleibende Auswirkung schlimmer Untaten der eigenen Vorfahren, das ist - in Deutschland - erlebte Geschichte, das trifft aber in ähnlicher Weise auf ganz andere Länder zu, in denen Grausames geschehen ist; als Beispiele nenne ich den Palästina-Konflikt - der wiederum eng mit unserer Geschichte verquickt ist - und den Völkermord in Ruanda 1994.

Übrigens lautet der unmittelbar folgende Satz in den zehn Geboten so: ...der aber Gnade erweist Tausenden, bei denen, die mich lieben und meine Gebote halten.

Positiv umschließt die Liebe Gottes auch die nachfolgenden Generationen derer, die Gott treu sind, und bei dem Propheten Ezechiel gibt es eine ausdrückliche Zurückweisung jedes Gedankens einer Sippenhaftung:

Was soll das bei euch, daß ihr diese Redensart braucht auf Israels Boden: Die Vorfahren essen unreife Früchte, den Kindern aber werden die Zähne stumpf! So wahr ich lebe, Spruch Gottes des Herrn, diese Redensart werdet ihr nicht mehr verwenden in Israel! Seht, alle Menschenleben gehören mir! Das Leben des Vaters wie das Leben des Sohns - mir gehören sie! Derjenige, der sündigt, der muß sterben!

Und damit nicht genug!

Denn wir können unsere Schuld gar nicht tragen und schon gar nicht die Schuld unserer Vorfahren abtragen. Das ist, glauben wir Christen, ein für allemal geschehen, als Christus am Kreuz gestorben ist mit den Worten: Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Das vergegenwärtigen wir uns, wenn wir das Brot brechen und den Kelch teilen, wie es Jesus seinen Jüngern geboten hat: Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis.

Was wir allemal tun können - und müssen -, ist, uns unserer Geschichte - auch ihres dunkelsten Kapitels - stellen und in unserer Zeit Verantwortung übernehmen für das, was heute schief läuft.

Also sind wir verpflichtet - ich kehre an den Anfang meiner Ausführungen zurück -, anders als die Zeitgenossen Martin Niemöllers zu denken und zu reden und zu handeln, etwa so:

Ich bin zwar kein Ausländer, aber ich nehme es nicht hin, wenn Fremde herabgewürdigt werden.
Ich bin zwar kein Muslim, aber ich verteidige das Menschenrecht eines jeden.
Ich bin kein Jude, aber ich widerspreche denen, die Juden beschimpfen, und wenn Kippa-Träger bespuckt und geschlagen werden, dann setze ich mir selber auch eine auf den Kopf und solidarisiere mich.

Nur so kann der Kreislauf von Haß und Gewalt durchbrochen werden.

Stephan Schaar, Pfarrer

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