"Die Wahrheit wird euch frei machen" - Bibellesen als Akt der Befreiung

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Veröffentlicht von Stephan Schaar am Mi., 15. Apr. 2020 16:38 Uhr
Theologie

"Biblisches ABC" erschien 1941 in den Niederlanden in der Zeit der deutschen Besatzung als kleines Handbuch der "Grundworte der Bibel" für Laien, die sich damals in Hausbibelkreisen versammelten.

Ein Buch, das die Lehre vom Glauben an den Gott Israels vermittelte, mußte damals, als das niederländische Volk zusehen mußte, wie seine jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen deportiert wurden, als Zeichen des Widerstandes verstanden werden. So liegt die Aktualität dieses Buches gerade darin, daß es zeigt, wie sehr eine Theologie, die bei ihrer Sache ist, zugleich bei den Themen der Welt sein kann.

Pfarrer Stephan Schaar faßt - in meist nur geringfügig gekürzten Originalzitaten - diese etwas sperrige Schrift so zusammen, daß sich ihr Inhalt hoffentlich auch dem heutigen Leser in seiner Aktualität erschließt...

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Kornelis Heiko Miskotte, Biblisches ABC - wider das unbiblische Bibellesen (Original: “Bijbels ABC”, Niederlande 1941, deutsch: 1976) Erev-Rav-Verlag, 1997 | Die Zitationsweise ist nicht einheitlich: Die ersten drei Kapitel wurden sehr viel früher (und in der üblichen wissenschaftlichen Zitierweise, jedoch ohne Seitenangabe) zusammengefaßt, während die weiteren Kapitel fast ausschließlich in - teils gekürzten - Originalzitaten wiedergegeben werden.

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Stichworte zum 1. Kapitel: “Zum Umgang mit diesem Buch”

Miskotte schreibt während der Zeit der nationalsozialistischen deutschen Besetzung der Niederlande und wendet sich gegen die seiner Überzeugung nach unbiblische Art des Bibellesens, die nicht gefeit ist gegen den rassistischen Ungeist, gegen die Verführbarkeit durch Allgemein-Religiöses, das er als wesentlich heidnisch betrachtet.

Die “Schrift” (die Bibel) ist nicht der Christen Besitz, sondern - zu unser aller Glück - “geschieht” das Wort, ist die Wahrheit, ist Gott selbst in seiner Kirche präsent.

Gottes Wahrheit kann aus nichts anderem hergeleitet werden. Unser Lesen muß gleichsam “getauft” werden, sonst besteht die Gefahr, das Wort des lebendigen Gottes zu etwas Erbaulichem verkümmern zu lassen.

Statt dessen haben wir es in der Bibel mit jener Wahrheit zu tun, “die sich selber setzt und durchsetzt, rechtfertigt und verherrlicht...” Die Heilige Schrift ist jene Autorität, der wir unsere Erziehung zu danken haben; denn sich selbst erziehen kann man nicht. “Die Art und Weise, in der sie uns mit Beschlag belegt, gleicht mehr derjenigen eines Kunstwerkes als der einer verstandesmäßigen Darlegung. Sie gewinnt unser Herz nicht, indem sie es unterwirft, sondern indem sie es befreit.”

So muß ständig gefragt werden: “Verstehst du auch, was du liest?” Nicht von vornherein, sondern vom Inhalt her, von der Präsenz der Wahrheit aus muß gelernt werden, was das Wesentliche ist. Dem soll das Buch dienen, das eine Art Grammatik bereit stellt, indem es sich den Grundworten widmet, die einen Zugang zum rechten Verständnis bahnen.

Miskotte bekräftigt, lesen sei lernen und fordert von daher eine Rückkehr zum ABC, “zu der simplen Ordnung der Grundlinien der heiligen Schrift und dem Leben aus dieser Ordnung!” Von dort ausgehend, werde man zu der gebotenen Einfalt, Einheit und Eintracht finden.

Mit Hinweis auf Prediger 12,12 (Viele Bücher zu machen, ermüdet den Geist), plädiert Miskotte: “Lernen aus dem einen, das ist entscheidend!”

So hofft der Autor zu erreichen, worauf es ihm ankommt, nämlich daß “wir starken ‘Widerstand leisten am bösen Tage und, wenn wir alles verrichtet haben, aufrecht bleiben’ (Eph. 6, 13b).” Das ist nicht nur im übertragenen Sinne gemeint...

Stichworte zum 2. Kapitel: „Lehre“

1)    „Lehre“ in der Bibel ist ein viel umfassenderer Begriff als im Umgangssprachgebrauch. Über all dort, wo das hebr. Wort „Thora“ mit „Gesetz“ wiedergegeben wurde, ist (statt dessen) „Lehre“ zu lesen; und zwar im Sinne von „Unterweisung“, „Leitung“ usw. - gemeint ist, daß Gott uns in Wort und Tat an die Hand nimmt, um uns den Weg zum Leben zu leiten.

2)    „Lehre“ im biblischen Sinne ist gerade nicht die philosophische Welterklärung. „Das Judentum behandelt die Lehre als sittliche Ermahnung, als Ausgestaltung und Anwendung der Rechtsordnung eines sakralen Volkes.“ Die Thora Gottes umfaßt die Erzählung von den Erzvätern und dem Leiden in Ägypten, den Zug durch die Wüste u.v.m. Wichtig dabei: Gott ergreift die Initiative, nicht das Volk oder gar der einzelne.

3)    Die Thora im engeren Sinne umfaßt „nur“ die fünft Bücher Mose, und zwar in ihrer Gesamtheit, nicht etwa nur in den jeweils „lehrhaften“ Abschnitten. Im NT wird die Bibel (= das AT) zusammenfassend „das Gesetz und die Propheten“ oder auch nur „das Gesetz“ genannt, und zwar wieder im Sinne von „Lehre“ (s. unter 1). So heißt es zum Beispiel im Joh.Ev. 10,34: „Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter“? - angespielt ist auf Psalm 82!

4)    Für das NT im besonderen gilt: Evangelium ist dreierlei: 1. die Botschaft, 2. die Erzählung von Jesus, seinen Worten und Werken, und 3. die davon handelnde Schrift. Durch die Schrift begegnen wir der Erzählung, durch die Erzählung der Botschaft. Die Erzählung (in allen ihren Unterformen wie Spruch, Gleichnis, Gebot, Rat etc.) ist Lehre.

5)    „Der echte Rabbi wird zum Propheten, der Prophet zum Priester und der Priester zum König - das ist der Messias. (.....) .....wo gelehrt wird, da sollen wir auch lernen: nicht nur das, was sich uns nach seiner Form als Lehrstoff aufnötigt, sondern alles, was aus dem Munde geht, und nicht nur das, was uns liegt, sondern auch das, wir nicht verdauen können.

6)    „Zu lernen ist eine heilsame Pflicht. Wir können uns nicht selbst erziehen...“ Unkirchlich ist jede Unterweisung, mag sie noch so offiziell-kirchlich sein, die nicht den Mut hat, von dieser Autorität [nämlich: Gottes, der uns in Zucht nimmt] auszugehen...“

7)    „Wahrheit ist nicht dazu da, betrachtet zu werden, sie vollzieht Trennungen, zwingt zu Entscheidungen, zu einer Wahl..... Wahrheit ist die offene Aktion Gottes, der unserm Geist entgegentritt, ..... der kommt und den bestehenden Zustand unseres verschlossenen, einsamen, verwilderten Geistes richtet, verwirft, heilt. Wahrheit ist letzten Endes Hinführung zu einem offenen, jetzt geöffneten, jetzt klar bestimmten Leben.“

7a)    Die Wahrheit Gottes kommt von außen auf uns zu, und wir müssen uns - so schwer es uns (gerade als „fromme“, kirchliche Menschen) fallen mag - gefallen lassen, uns dieser Autorität zu beugen. In Bezug auf die Lehrtätigkeit der Kirche gilt: „Wirklich lehren setzt voraus, daß der Lehrer keine Gabe höher stellt, als selbst lernen zu dürfen.“ (.....) Unernste, unfruchtbare Unterweisung ist eine solche Lehre, die als eine Leiter aufgestellt wird, die wir, nachdem wir sie gebraucht haben, um bis zu einer gewissen Höhe zu klettern, umwerfen können, um fortan uns selbst zu retten...“

8)    „Unterricht ist: gerichtet werden unter der heilsamen Macht dessen, der allein das Richtige weiß, der allein das Recht hat, zu richten, und allein fähig ist, unserm Leben Richtung zu geben.“ (.....) „Die Lehre bindet durch Führung, durch nie ablassende Fürsorge, durch niemals versagende Weisheit.“

9)    Lob der Lehre: Psalm 19, 8ff.

10)    Noch einmal: Die ganze Bibel ist Lehre. „Überall ist etwas zu lernen, ist Leben zu lernen, ist zu lernen, was Leben ist und Leben weckt und wie wir leben sollen.“ (...) „... in gewissem Sinne setzen sogar die Heilsgeheimnisse von Wort und Sakrament ein Volk voraus, das gelernt hat und fortfährt zu lernen.“

11)    „Sie blieben beständig in der Apostel Lehre (Apg. 2,42), das heißt nicht: sie hielten an deren Wahrheit fest, sondern: sie blieben dabei, sich durch die lebendige Stimme der Apostel unterrichten zu lassen. (...) Das Leben geht weiter; die Lehre geht weiter. Nie sind wir verlassen; immer ist da diese stille Gesellschaft; Gott selbst regiert uns durch sein Wort und seinen Geist. Und es ist kein Ende abzusehen. Darum herrscht im Lehrhaus eine Stille von Erwartung und Ehrfurcht.

12)    Die Kirche lehrt und lernt. „Und immer so, daß Lehre befreit, indem sie bindet, mündig macht, indem sie uns öffnet.“ (.....) Das Ziel des Lehrens und Lernens ist eine beständige Freude. Gott ist gut, darum wird er die Sünder unterweisen in dem Weg; er führt auf der rechten Bahn die, die sich beugen unter der Lehre seines Rechts (Ps. 25,8f.). (.....) Worin liegt die Kraft der Schrift, Leitung über die Geister auszuüben? Darin, daß sie in erster Instanz an den Problemen, die wir aufwerfen, vorbeigeht, um der uneingestandenen Not des von Gott entfremdeten Leben zu Leibe zu gehen...“

Stichworte zum 3. Kapitel: “Name”

1    „Name“ ist sozusagen das A im biblischen ABC. Wir brauchen nicht die älteren Zeiten um deren Bibelfestigkeit zu beneiden, wenn als bibelfest betrachtet wird, wer möglichst viele Texte kennt und anzuwenden weiß.  Worauf es wirklich ankommt, ist, dem antiheidnischen und antireligiösen Charakter der Bibel nachzuspüren. „Wer die Tendenz von „Name“, „gerecht“, „heilig“, „Fleisch“, „Geist“, „Welt“ versteht, ..... der kann sich dann weiterhin ein bißchen selbständig ans Lesen machen.

2    „... in der Bibel [bedeutet] kein einziges zentrales Wort oder Bild, kein zentraler Begriff das, was er zu bedeuten scheint, was er in den Augen der Heiden, also in den Augen von uns allen, wie wir von Natur aus denken und fühlen, bedeuten müßte.“

3    „Der Name unterscheidet Gott von anderen Wesen, Göttern und Dämonen. Die Bibel hat nicht zuerst einen allgemeinen Gottesbegriff, um diesem dann Namen, Bilder, Eigenschaften hinzuzufügen. Sie spricht zunächst von einem Gott unter anderen Göttern. Namen sagen immer etwas über die Benannten. Zwischen Gott und seinem Namen besteht ein inniger Zusammenhang, „ja, letztlich ist der Name Gott selbst, so wie er sich in diesem oder jenem Verhältnis zur irdischen Wirklichkeit offenbart.“ ... „Darum ist Lästerung, Entweihung, Mißbrauch dieses Namens ein schreckliches Vergehen (2. Mose 20, 7; 3. Mose 19, 12; 24, 11). Darum soll dieser Name erkannt, erzählt, gefürchtet, geliebt, bekannt, gesucht, erwartet, angerufen, geheiligt werden (5. Mose 28, 58; 1. Kön. 8, 33; Ps. 51, 2; 34, 4; 52, 11; 83, 17; 12, 24; Jes. 26, 8; Matth. 6, 9; Joh. 12, 28 usw.).

    Name ist Offenbarung. „Gott hat einen Namen, er ist nicht das Namenlose; Gott ist nicht das All, er wird erkannt als eine Wirklichkeit, die sich in der Welt von der Welt unterscheidet. Gott tritt uns nicht entgegen als das Allgemeinste, das überall zu finden ist, vielmehr als das Besonderste, das irgendwo an bestimmter Stelle gesucht und gefunden werden kann.“

    Name ist: Gottheit, die „ein“ Gott geworden ist, um Menschen erkennbar zu sein.

3a    Daß Gott einen Namen hat, macht, daß man ihn ansprechen kann. „Lebendige Religion spricht Gott beim Namen an und fühlt sich beim Namen gerufen. So ist es bei den Heiden, den Völkern. So ist es, formal, auch bei Israel und in der Kirche.“

4    „...ob es nur einen Gott gibt, das ist eine Frage zweiten Ranges; aber daß dieser Gott unser Gott ist, das ist ein Heil ersten Ranges. Darum geht es in der Bibel: um die Art, den Charakter, die Qualität dessen, der sich uns wahrhaft und in Treue geoffenbart hat.“ ..... „Zu wissen, zu bekennen und zu bezeugen: dieser Gott ist unser Gott - ist Israels Beitrag zu derjenigen Humanität, die Sinn und Ziel und Richtung hat.“

    „Monotheismus ist keine Sache der Besonderheit, d.h. dafür bedarf es keiner besonderen Offenbarung. Aber das, was höher ist als der Monotheismus, bietet sich dar in dem Schein des Niederen: eines Gottes unter Göttern. (.....) Ob jene Götter objektive Wirklichkeiten oder subjektive Wahnideen sind, das wird zu seiner Zeit schon an den Tag kommen; wenn jetzt nur, unerachtet ihrer Existenz und ihrer Macht, diese Götter nicht die unseren sind, dann trägt unser Leben einen ersten Abdruck der Offenbarung.“ 4a    „...ob nur ein Gott denkbar ist, ist eine Frage von untergeordneter Wichtigkeit, daß aber dieser Gott so erkannt wird und so angeredet, angerufen werden, daß man zu ihm nahen kann, das ist das Entscheidende für das ganze menschliche Dasein.

    Das Gebet hat Macht... „Und so wahr der Name nicht leer ist, so wahr bleibt das Nennen des Namens nicht eitel.“

5    [Prominente Bibelstellen]

6    Die Arbeitshypothese: „Name = Offenbarung“ ermöglicht zwar einen ersten Zugang, doch sind Präzisierungen notwendig und vom jeweiligen biblischen Kontext abhängig.

6a    „So ändert sich je nach dem Zusammenhang der genaue Sinn. Das ist ein Zeichen der Menschlichkeit und Nähe des Namens. Andererseits: gegen die Verflachung, welche aus dem Mißbrauch des Namens entsteht, hat man sich stets zu erinnern, daß der Name Gottes Name ist.....“.

7    „Bibelfest ist, wer allen Reichtum und alle Tiefe der Schrift befestigt und bestimmt sieht durch den heiligen, hochherrlichen, nie genug zu preisenden Namen. (...) Wenn vor unserem Blick der Name in der Mitte steht, erst dann treten die Schöpfung „am anfang“ und die Erlösung „am Ende der Tage“ in das rechte Licht. Sowohl von der Schöpfung wie von der Erlösung wissen wir ausschließlich durch den Namen.“

Stichworte zum 4. Kapitel: “Die Gottesnamen”

1    Man unterscheide zwischen den Namen und dem Gottesnamen!

    Es gibt in der Heiligen Schrift zahlreiche Gottesbezeichnungen. Aber sie haben alle eine Aussagetendenz, immer geht es um den Mächtigen, den Allerhöchsten, den Befreier, Erlöser, den Schöpfer, den Heiligen Israels usw..

2    Der Ur-Name Gottes ist gar Name, sondern ein geheimnisvolles Zeichen: JHWH - am besten wiederzugeben durch: “Ich werde sein, der ich sein werde.” Gott bindet und verpflichtet sich mit dieser Selbstbezeichnung ebenso wie er Mose und Israel (sowie die Kirche) dazu verpflichtet, diesen Namen zu nennen und seine Existenz auszurufen.

    Das Heidentum bildet Namen als Projektion der Erfahrung seines Lebens der Welt. Aber die Gotteserkenntnis im biblischen Sinne kann der Mensch sich nicht nehmen, sie muß ihm gegeben werden. Sie wird ihm gegeben im Zusammenhang einer Begegnung, eines Verhältnisses, eines “Bundes”. Dieser Gottesname ist das antiheidnische Monument par excellence; er ist der Grenzstein, der aller philosophischen Ausschöpfung Halt gebietet.

3    Der Name hat Gestalt angenommen in einem Menschenleben; ein ganzes Menschenleben ist restlos zur Offenbarung geworden.  Der eigentliche Kern des Heils ist ......, daß Gott ein “menschlicher” Gott ist im Gegensatz zu den Göttern der Heiden und der Gottheit des uralten und modernen Naturalismus.

    Seine gesamte Offenbarung ist auf den Menschen gerichtet und in die Gestalt eines Menschen eingegangen, damit wir ..... einen Zugang wüßten und besäßen zu ihm, ..... diesem “menschlichen” Gott, der so viel “kleiner” ist als das All, der “nur ein Mensch” zu sein scheint und gerade darin die All-Götter demaskiert als unmenschliche, fratzenhafte Projektionen und Dämonen.

3a    So ist der Name Jesus Christus für seine Gemeinde die Erfüllung, Bestätigung und erneute Inkraftsetzung des einen Gottesnamens JHWH.

    Das bedeutet, a) daß das Christentum niemals eine neue Religion sein kann; b) daß der neue Bund die Erfüllung des alten, daß aber das Neue Testament als Schrift ein Kommentar zum Alten ist; c) daß das “Ich werde bei euch sein, so wie ich bei euch sein werde” die überlegene, freie Macht des Namens bezeichnet, welcher andererseits die Treue selbst ist: “Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt” (Matth. 28, 20).

    Zum biblischen ABC, zum Buchstabieren des einfachsten Wortzusammenhangs, zum Erkennen des Grundbestandes gehört nicht zuletzt dieses Verhältnis der Gleichungen Name = Offenbarung, Name = Jahwe, Name = Jesus Christus.,

    Es geht nicht um das, was von den Menschen von Natur aus “Gott” genannt wird. Der Herr wird nicht deshalb “Gott” genannt, um damit sein ewiges Wesen zu umschreiben, sondern vielmehr um seine Gerichtetheit, sein Tun, seinen Gemeinschaft stiftenden Vorsatz (“Ich werde bei euch sein, so wie ich bei euch sein werde.”) zu preisen. 4    Von hier aus lesen wir ... all die anderen Gottesnamen, die die Schrift gebraucht. Zu dem Namen, d.h. zur Offenbarung gehört die ganze Heilsgeschichte, das Wort und das Geschehnis, die Verheißung und das Gebot; die Werke und die Wunder; die Einheit von alledem wird zusammengefaßt in dem Namen ..... Jahwe, und dieser wird “erfüllt” in dem Namen Jesus Christus.

    Die anderen Gottesnamen ... umgeben, begleiten, beleuchten das, was das Wesen ausmacht, mehr fragmentarisch, aber so, daß das Fragment allein von dem Namen aus, als Beifügung zu ihm, als zu seiner Sphäre gehörig verstanden werden kann.

5    Elohim = “Gott” (wörtlich: Götter, Göttermenge, Gottesfülle, die Gottheit) scheint in der Bibel ein so gewöhnliches Wort für Gott, daß es beinahme nirgends mehr den Eindruck eines Eigennamens macht und eher wie ein Gattungsname anmutet. (.....) Doch jetzt sind wir durch das Lernen des biblischen ABC auf die Hut gesetzt und wissen: Nein, auch Elohim ist als Eigenname zu hören, und zwar im Zusammenhang und im Lichte des einen, umfassenden Namens, der uns gegeben ist. Dieser Gott, der ist Elohim! Der hat eine Fülle von Leben, Gedanken und Kräften, deren kein Ende abzusehen ist. Wenn wir diese Seite des Namens ausdrücken wollen, nennen wir ihn Elohim, die Gottheit.

6    El Schaddaj, meist übersetzt mit “Gott der Allmächtige”, bedeutet eigentlich Gott “von einem Berge”, d.h. von dem Götterberg, von dem kosmischen Knotenpunkt der Welt, der Zukunft - Gott, der die Zukunft regiert, und zwar durch seine Wunder. Es geht nicht an, diesen Namen gleichzusetzen oder in unmittelbaren Zusammenhang zu bringen mit dem Namen Schöpfer. Nicht die Macht im allgemeinen wird mit diesem Namen bekannt, sondern eine bestimmte Macht, nämlich diejenige Macht, die aus den “erstorbenen Lenden” Abrahams und dem “erstorbenen Mutterschoß” Saras die wunderbare Geburt Isaaks undd amit des ganzen auserwählten Volkes hervorgehen läßt.

    Innerhalb des Ganzen der Schrift wird El Schaddaj die leuchtende Seite des Namens, der Offenbarung als solcher. JHWH, der namenlose Name, der enthüllte und verhüllte Name, umschließt auch dies: daß er Macht ausübt gegen den Tod, daß er die Faktizität der Natur durchkreuzt, daß er nicht geschehen läßt, was in der Konsequenz unserer Lebensart liegt, daß er “die Toten lebendig macht und dem, was nicht ist, ruft, daß es sei” (Röm 4, 17).

7    Der Herr der Heerscharen - auch diesen Namen ..... müssen wir zum biblischen ABC rechnen. Mit diesem Namen wird der eine Name verdeutlicht als der Gott der Geschichte, der nicht ruht, bevor der Endsieg errungen ist. Gott ist mehr der Gott der Geschichte als der Gott der Natur. (...) Die Geschichte ist ..... das menschliche Drama, in dem er seine Taten tut. Und dabei ist er nicht allein, sondern er ist umflutet von Herrscharen, von .... Engeln, Mächten und Boten, denen er seine segnende und richtende Kraft mitgeteilt hat, daß sie ihm damit diesen.

    Auch hier bleibt es von größtem Gewicht für das rechte Lesen, daß wir uns des Wissens von der Grundstruktur erinnern und es anwenden. (.....) Nicht den Herrn der Geschichte nennen wir u.a. Jahwe, sondern umgekehrt: Jahwe und keinen andern, einen bestimmten Gott mit bestimmten Tugenden und besonderen Absichten, den nennen wir u.a. auch den Herrn der Geschichte, Jahwe Zebaoth, den Herrn der Heerscharen. 8    Der Vater - so wird Gott im Alten Testament genannt (z.B. Ps. 103, 13, Jes. 63, 16; 64, 7); namentlich ist er der Vater des Fürsten, des Messias, und derer, die als Vorläufer und Zeichen, sei es qua Amt oder qua Person, messianische Züge tragen (z.B. Ps. 2, 7; Mal. 2, 10).

    Wir würden das ganze Gebälk der Schrift zerbrechen, wenn wir hier auch nur einen Augenblick der Neigung nachgäben, das alte Spiel zu spielen und von dem Bekannten, dem uns Bekannten auszugehen, also zu meinen: der Vater, nun, das ist natürlich der Schöpfer oder die eigentliche Gottheit - und: “Kinder eines Vaters sind wir alle.” Denn “Vater” heißt Gott in erster Linie kraft seines ewigen Verhältnisses zu dem “Sohn”, Jesus Christus. Erst ist Jesus erschienen, und dann haben wir von dem Vater als seinem (und durch ihn unseren) Vater gehört.

    Der Herr [JHWH] wird auch Vater genannt, so wie er der Mächtige, der Herr der Heerscharen, die Gottheit genannt werden darf.(...) Er ist der Eine und Einzige, den wir erkennen durch die besondere Offenbarung und ihre Präsenz. “Vater” drückt aus, daß das, was uns in Jesus Christus entgegen strahlt, nicht nur ein historisches Phänomen ist, ein zeitweiliges Verhältnis, ein relatives Geschehen, ein unbegreiflicher Gipfelpunkt der Religion, ein unvergängliches Summum von Menschlichkeit oder auch eine alles überbietende ekstatische Schöpfung von Mensch, Genie, Engel oder Erzengel, - daß vielmehr das, was in Jesus Christus bei uns und für uns lebt im Himmel, in den Tiefen der Beständigkeit und Treue Gottes seinen Grund hat.

    Wir bekennen nicht zuerst den Vater und dann, gewissermaßen ergänzend, den Sohn, sondern umgekehrt: kraft des Namens Jesu, d.h. auf Grund der in ihm geschehenen Offenbarung, wird “Vater!” ein Eigenname, ein Name zum Rufen, zum “Schreien” (Röm. 8, 15).

Stichworte zum 5. Kapitel: “Die Ordnung der Tugenden Gottes”

1    Die Bibel ist kein Buch wie andere - sie ist nicht dazu da, gelesen zu werden, sondern um vorgelesen zu werden, und zwar in der versammelten Gemeinde, die gekommen ist, um zu hören - und dann zu tun, was sie gehört hat.

    Wir haben in diesem  - irgendwie wunderlichen - Buch zu lernen, daß dort eine bestimmte Ordnung herrscht, markiert durch eine bestimmte Sprache, und andererseits uns vertraut zu machen und zu rechnen mit der Selbständigkeit und Eigenmächtigkeit der Sache, um die es geht und die in diesem Fall eine Person ist, ein Täter, ein Initiator, ein Sprecher, ein Führer, der unsere Bilder aufnimmt und zu einem bestimmten Dienst heiligt und sie auch wieder ersetzen oder ergänzen oder sogar fallenlassen kann, nämlich sobald wir in das Buch vertieft dasitzen, statt unter dem Wort geöffnet zu sein.

2    Dem Namen sind bestimmte Adjektive zugeordnet, die Gottes Eigenschaften, seine Tugenden, zum Ausdruck bringen. Es besteht die Gefahr / Versuchung, die menschenförmige Rede von Gott so mißzuverstehen, als ließe sich etwa Gottes Gerechtigkeit mit menschlicher Gerechtigkeit vergleichen. Zwar unterscheiden sich Gottes Eigenarten von denen der Menschen - aber wieder auch nicht so fundamental, daß sich nicht in menschlichen Worten davon reden ließe.

2a    “Tugend” klingt im Deutschen etwas anders als im Niederländischen, wo mehr “taugen” gehört wird als “moralisch einwandfrei”. Man denke an den ursprünglichen Sinn des Wortes “Adel”, denke an “edel” und “vornehm”!

3    Die Adjektive, die Gottes Tugenden beschreiben, von seinem Tun Zeugnis ablegen, können und dürfen sich nicht verselbständigen. Als beigestellte Worte unterstreichen sie hier und betonen sie dort, können aber nicht beanspruchen, so etwas wie eine Wesensaussage über Gott zu machen - das bleibt dem (umfassend zu verstehenden) Namen vorbehalten. Wenn also - in Abhängigkeit von dem, was gerade erzählt wird - Gott “schrecklich” genannt wird, dann in diesem konkreten Tun; in jenem anderen Erzählzusammenhang ist ganz anderes hervorzuheben durch ein entsprechend anderes Eigenschaftswort.
    Dabei gilt jedoch keine “zügellose Gegenseitigkeit”. Es gibt eine Ordnung der Tugenden, die wir nicht verkennen dürfen und deren Verständnis zum biblischen ABC gehört.

3a    Typisch biblische Ausdrucksweisen wie etwa “der gerechte Gott” sind Pleonasmen, deren Gebrauch eigentlich das Substantiv entwerten. Was anders ist ein Denker als “scharfsinnig”, ein Beamter als “gewissenhaft” oder ein Ehemann als “treu”?! Die Bibel spricht so von Gott, um dem naturhaft-heidnischen Denken den Weg zu verstellen. Zu sagen, daß ..... die Welt “ein wesentliches Moment in dem unendlichen Leben Gottes” sei, ist ebensosehr Heidentum wie der primitive Animismus, weil es ebensosehr den Namen zunichte macht und die Ordnung der Tugenden umkehrt und durcheinanderbringt.

4    “Ordnung” meint eigentlich “Reihenfolge”, und zwar der Kenntnisnahme durch uns Menschen. Zum biblischen ABC gehört die Kenntnis des Weges, auf dem wir Menschen - nicht nur einmal, sondern immer wieder - zu der heilsamen Erkenntnis Gottes, d.h. des Namens Gottes kommen, und der Weise, wie wir darin - nicht einmal, sondern in fortwährender Erneuerung - befestigt werden, damit wir im Umkreis der ewigen Freude bleiben dürfen.

5    Im Gegensatz zum Heidentum (dem Nihilismus), dem die Summe zahlreicher Götter zu einem Numinosum, einem X, wird, ist für Israel und die Kirche Gott kein X, sondern der Name, der Herr mit seinen Namen. (.....) Dieser Name umschließt Gottes Tugenden und Gottes Taten; alles, was in der Bibel steht, buchstabiert uns gleichsam diesen Namen mit den Tugenden und Taten vor.

6    Folgende drei Verkehrungen der Ordnung sind scharf ins Auge zu fassen:

    a) Wenn wir von der Unendlichkeit ausgehen, stören wir den Weg der Erkenntnis von Gottes Namen; denn dann heben wir von vornherein die Echtheit der Begegnung auf.

    b) Wenn wir von der Allmacht und Allwissenheit ausgehen, stören wir den Weg der Erkenntnis von Gottes Namen; denn dann finden wir keinen Raum mehr für Taten der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

    c) Wenn wir von der Gleichwertigkeit der “mittelbaren” Eigenschaften (wie z.B. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit) ausgehen, entleeren wir die Erscheinung Jesu Christi.

6a    So wie der Name eine besondere Offenbarung bedeutet, so bedeutet Gottes Unendlichkeit die besondere Unendlichkeit dieses Gottes. (.....) Die Unendlichkeit, von der die heilige Lehre spricht, jagt unsere Gedanken also nicht immer voran zu einem X-Wesen; die Allmacht, von der die heilige Lehre spricht, beugt uns also nicht unter ein X-Schicksal; die Gnade, von der die heilige Lehre spricht, lockt uns also nicht in ein ..... Glücksspiel .... - als ob der Name nicht zuverlässig wäre!

6b    Die Allmacht des Herrn ist die Macht von Barmherzigkeit und Gnade, die Macht von Geduld und Treue, die Macht von Vergebung und Vergeltung; die “Unendlichkeit” ist das qualitative Übergewicht Seiner Barmherzigkeit, Seiner Gnade, Seiner Geduld, Seiner Treue, Seiner Vergeltung, Seiner Vergebung.

7    Weil die abstrakte Allmacht nicht vorangeht, nicht notwendig zu denken ist, letztlich nicht vernünftig ist, darum loben wir den Namen. [Verweis auf zahlreiche Psalmstellen]

8    Die Vorherrschaft der Begriffe (“das Unendliche”, “die Allmacht”, “das Recht”) zerrüttet und verdirbt unsere Seele, ..... verdammt zu jener drückenden Ungewißheit unter der Willkür der Menschen, in der wir sittlich umkommen.....

    Allein kraft des Glaubens an diese einzigartige Macht über das All, die identisch ist mit seiner Liebe und Treue, halten wir dieses schreckenerfüllte Dasein aus. “Jahwe, der Herr der Heerscharen, ist mit uns, der Gott Jakobs ist uns eine hohe Burg. (Ps. 46, 8.12.). Mit uns! Das kann weder von der Natur noch von der Idee (und der Ideologie) gesagt werden. Wenn es nicht wahr sein sollte, daß dieser Gott in die Welt gekommen ist, um mit uns zu sein, dann können wir nicht weiter. Dann ist es aus mit Israel und mit der Christenheit. 9    Mit den (aus dem Heidentum) “mitgebrachten” Vorstellungen von einem höchsten Wesen u.ä. können wir nicht anfangen, und darum kann man “nichts damit anfangen”.

    Wenn wir zum Verständnis dieser Dinge (daß es dieser Gott ist, der die Räume der Welt beherrscht mit seiner Tat, mit der Reihe seiner Taten zugunsten der Erde) gelangen und so “naiv” werden wie die Bibel und verstehen, daß Gott im Tempel wohnt und in Christus, in der Gemeinde, im Sakrament, dann schließt das für uns die Allgemeinheit nicht aus; wohl aber umgekehrt: wenn wir von dem Allgemeinen ausgehen, werden all die Namen, Tugenden, Taten Gottes entleert zu Symbolen, blassen Sinnbildern, die wir dann schließlich auch wohl entbehren und preisgeben. Ja, letztlich wird uns auf diese Weise die ganze Erscheinung Christi lediglich zu einer Illustration einer Wahrheit, die wir schon anders woher wußten.

    Ein sogenanntes systematisches Denken, d.h. ein Denken, das von einem allgemeinen, im unerleuchteten Denken wurzelnden Begriff aus die Offenbarung Gottes in einen geschlossenen Zusammenhang bringen möchte, verwüstet die Ordnung, verfinstert unsern Geist, verwirrt unser Gewissen, beraubt uns der Heilsfreude, löscht unter uns das Lob, den Gottesdienst der Gemeinde, die stillen Ekstasen und die Dankbarkeit für das gewöhnliche Leben.

10    Der Atheist ist das Opfer der Verwirrung, die schon jahrhundertelang herrscht in der Lehre von dem Gott Israels; aber er fühlt sich frei von einem unerträglichen Druck. (...) Einsam, weil er nicht fühlt und weiß, wer Jahwe ist, von dem wir glauben dürfen, daß Er mächtig ist über das All. Auf der anderen Seite ist er einsam, weil er von dieser natürlichen Religion niemals ganz und gar loskommt, und die war und bleibt gerade die Ursache und der Anlaß zu seinem Kummer, zu dem Recht, das er damit hat, und zu seiner Wut, daß er nicht recht bekommt. Immer kämpft er mit diesem Schatten und bleibt ihm verhaftet - während er unterdessen wohl die Hoffnung auf eine bessere Welt einbüßt.

    (Aus der Sicht des Atheisten) beginnt alles mit dem Alptraum: Gott ist alles, Gott kann alles, er will alles, er tut alles. Darin steckt die Ur-Projektion eines X, und die muß in Haupt und Herz des Atheisten zurückgenommen, widerrufen werden, soll endlich Ruhe einziehen.

    Verstehen wir, daß wir in die Geschichte eintreten müssen, um jemandem zu begegnen, mit dem wir sprechen können? Und lebt in uns eine Ahnung davon, daß es Gnade ist, dort den Gott Israels zu finden, der die Götter und die allgemeine Gottheit demaskiert hat.....?

Stichworte zum 6. Kapitel: “Die Einheit der Tugenden”

1    Die Lehre zielt auf Verkündigung, d.h. wir sollen uns daran erinnern lassen, daß die Schrift kein Lesebuch ist, sondern ein liturgischer, kultischer Text zum Vorlesen bei hundert Gelegenheiten und folglich mit tausend Akzenten, herausgehoben über die Ebene, auf der der menschliche Geist etwas zu organisieren, zu etikettieren und zu distribuieren vermag nach dem Maße dessen, was er als das “Gemeinwohl” der Vernunft, der Masse, des Staates usw. versteht; von mindestens ebensoviel Belang ist es jetzt, zu bedenken und einzusehen, daß die Schrift zur Verkündigung dient - nicht von tausend Dingen, sondern zur Verkündigung einer Wahrheit, besser: einer Wirklichkeit, noch besser: eines Geschehens, nochmals besser: eines Geschehens mit einem bestimmten Ziel, nämlich das Heil auszurufen, Mission zu treiben, Jünger zu erwecken, ein neues Leben - kurz, Gemeinden zu stiften, aus denen in Lied und Tat sich das Lob erhebt durch die Einheit des Geistes.

2    Die Einheit der Tugenden Gottes ist ..... das Mysterium der Liebe Gottes. (...) Diese Liebe ..... kann nur verkündigt werden, proklamiert, ausgerufen - und auf seiten des Menschen ergriffen, geglaubt, umschlungen, erlebt.

    Die Liebe ist ein Ereignis, ein Geschehen über allen Dingen und durch alles andere Geschehen hindurch. (.....) Wir behandeln das Alphabet, das Formale, die elementare Grammatik, in die höchstens ein Abdruck der Eigentümlichkeit des Namens geprägt ist. Wir sitzen nicht in der Kirche, auch nicht in der Schule abseits der Kirche, sondern höchstens in der “beth-hamidrasch”, im Lehrhaus neben der Kirche, und haben das simple Lesebrett vor uns mit den Sprachzeichen: Lehre, Name, Tugend usw..

3    Wir haben uns die Einheit der göttlichen Tugenden nicht in einem Begriff von göttlichem Wesen zu suchen, sondern ... in der einen Tat, d.h. in seiner Liebe. (...) Allein in der Verkündigung wird, wenn es Gott gefällt, die Einheit seiner Tugenden, das ist die Liebe, unserem Herzen, d.h. unserem verborgenen Ich ..... mitgeteilt. Niemals dürfen wir meinen, die Einheit seiner Tugenden finde sich irgendwo beschrieben oder umschrieben.
4    Was wir tun können und was ..... in den Rahmen des biblischen ABC hineingehört, ist das Umschreiben der begrifflichen Einsichten, die aus der Voraussetzung dieser Liebe folgen.  Das kann und muß im Lehrhaus geschehen.

5    Gott ist Liebe (1. Joh. 4, 8) - abgewiesen wird damit an erster Stelle alle Spekulation über Gott als das stille, unbewegte Sein. (.....) Wenn Gott Liebe ist, werden wir damit gelehrt, auf die “Ewigkeit” achtzugeben, die, selber bewegt, die Bewegtheit der Zeiten hervorbringt.....
    Wenn Gott Liebe ist, kann Gottes Seinsweise nicht von der Schöpfung unterschieden werden nach den Schemata Stillstand und Bewegung, Sein und werden, Geist und Natur, unsichtbar und sichtbar, unveränderlich und veränderlich. Er muß sowohl still als auch bewegt sein, in ihm muß sowohl das Sein als auch das Werden bestehen, Geist und Natur werden in ihm gefunden werden, sichtbar und unsichtbar wird er sein, veränderlich und unveränderlich.

5a    Aber wie ist denn Gott “in sich selbst”, fragen wir. Antwort: nicht anders, als er uns in seiner Offenbarung entgegentritt.

    Die Schrift und das Dogma sprechen davon, daß Vater, Sohn und Geist, diese drei “Personen”, der eine und der ewige Gott sind. ....es ist genug, wenn wir uns daran gewöhnen und zugleich fortwährend darüber verwundern, daß Er, mit dem wir zu tun haben, eine Fülle des Lebens und “schenkende Tugend” ist, auch daß ihm nichts so unähnlich ist wie die Natur - wenigstens die Natur, wie wir sie in der Wissenschaft reduziert haben auf ein Ineinander von Kräften, das nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung “alles” bewirkt und sich “ewig” gleich bleibt und in seinen Bewegungen vorausberechenbar ist. Der Lebendige ist Gott.

5b    Und jetzt verstehen wir sicher wieder etwas besser, was wir aus der Form der Bibel permanent zu lernen haben: es wird nämlich erzählt, Erzählung folgt auf Erzählung über die Begegnungen Gottes mit seinem Volk, mit seinen Menschen. (.....) Wir meinen damit, daß ein Gleichnis Gottes eher im Menschen zu finden ist als in der Natur, eher in der Geschichte als in der Naturgesetzlichkeit, eher im “Willkürlichen” als im Mechanischen, eher im “Genialen” als im Automatischen, eher im Wahnsinn der Hingabe als im Gleichmaß der Pflicht, eher in der Schönheit der Treue, die bei wechselnden Umständen sich gleich bleibt, als in der Kälte einer Rechtspflege, die sich um das wirkliche Geschehen nicht schert.

    Liebe bedeutet, daß Gott sich kümmert um die, um die er sich nicht zu kümmern brauchte..... Daß Gott Liebe ist, kann - Gott sei Dank! - nicht bewiesen werden, sondern es wird uns - gottlob! - bezeugt; es wird in der Bibel nicht von seinem ewigen Wesen her demonstriert, es wird uns erzählt, erzählt und noch einmal erzählt.

6    Wenn die Einheit der Tugenden Gottes nach der Bibel in der Tat im Geschehen der Liebe liegt, so setzt das weiter voraus, daß Gott Person ist. (...) Nicht der Mensch ist “Person”, und nun reden wir über Gott, als ob er Person wäre, in sogenannter figürlicher oder Gleichnis-Sprache; das ist das schier unausrottbare Mißverständnis der Heiden und der Philosophen: Gott ist geschaffen (oder wird erfaßt) nach unserem Bild und unserem Gleichnis. Die Bibel sagt - und es gehört zu den ABC-Übungen, konsequent daran festzuhalten -: Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild und zu Seinem Gleichnis.

    Der Mensch ist nicht Person, sondern er wird es: auf Grund eben dieser wählend ihn ergreifenden Liebe, auf Grund der Tatsache, nein des Geschehens der Liebe Gottes. Daß der Mensch geliebt wird und Gott mit Gegenliebe erwidern darf, das macht in zur Person in spe. Als Erwählter und Verlobter ist er dazu bestimmt, “dem Ebenbilde des Sohnes gleichförmig zu sein” (Röm. 8, 29).

7    Gott ist der Liebende, ..... der Liebhaber, der schöpferische Liebhaber. (.....) Die göttliche Liebe ist darin göttlich, daß sie ihren Gegenstand erst schafft. Die Bibel ..... spricht von “Seinem Bund”, den Er stiftet und den Er auch, indem er dann ein Bund auf Gegenseitigkeit ist, seinerseits bleibend unterhält. Das, was dem dann auf der Gegenseite korrespondiert, heißt in der heiligen Lehre Treue.

    Erst im Johannesevangelium wird das Höchste und Letzte über Gott als Liebenden gesagt; aber auch dort werden wir es zu blaß, zu begriffsmäßig verstehen, wenn wir die heiligen Worte nicht getränkt sehen in leidenschaftlicher Glut, von der das Hohelied singt.

    Das Drama ..... von Gottes Handeln und Bemühen, sein Volk, seine Menschenkinder zu befreien von den Göttern, von der Angst und der Einsamkeit, sie in die Gemeinschaft seines Lebens hineinzuziehen, ihnen zu begegnen, sie zu segnen, zu erfreuen, zu erproben - dieses Drama faßt die Geschichte zusammen, die heilige Geschichte. (...) Alles, was bei uns Menschenkindern für die Liebe mehr oder weniger kennzeichnend ist: die eigenartige Beharrlichkeit, der “Eifer” und die Eifersucht, das Leid des Ferneseins samt dem, daß jedes Fernesein von vornherein, im Herzen, überwunden ist - das alles ist nur ein verzerrtes Schattenbild dessen, was in der göttlichen Liebe Wirklichkeit ist, oder (und das sagt dasselbe:) dessen, was in der heiligen Geschichte geschieht.

7a    [Verweis auf zahlreiche biblische Geschichten]

    Wenn Gott trotz der Untreue der Menschen treu bleibt, bedeutet seine Treue den Schmerz seines Zorns - denn reiner Zorn ist ein Leiden -; es bedeutet, daß er für den anderen eintreten, daß er tun muß, was dieser nicht aufzubringen vermag.

8    Nicht in seiner Hoheit oberhalb der Widersprüchlichkeiten unseres Lebens und Denkens, sondern in seiner Hoheit trotz und inmitten unserer Widersprüchlichkeiten, inmitten von Abwendung und Hinwendung, inmitten unseres Suchens und Verlierens, Preisens und Verachtens, da ist Gott Gott, darin wird die Göttlichkeit Gottes, die Einheit und Einzigkeit Gottes offenbar: in seiner Liebe.

    In der Bibel geht es nicht darum, einer Weltanschauung Eingang zu verschaffen oder eine Lebenshaltung zu empfehlen. (.....) Die Predigt des Namens ist so singulär, weil sie ausruft, daß gerade dieser Gott lebt, dieser, der sich so klein gemacht hat, daß von ihm geredet werden kann in einer - Predigt, daß das Reden von ihm also beileibe nicht große Dichtkunst erfordert.

9    Nihilismus ist der Vorsatz, zu leben um des bloßen Lebens willen, zu handeln um des bloßen Handelns willen. (...) Nichts ist im Grunde auf radikalere Weise nihil als die Mittelmäßigkeit, der keine Ahnung, keine Frage, keine Bitterkeit übrigbleibt; mag uns die nihilistische Barbarei “schlimmer” vorkommen, weil sie uns stärker leiblich betrifft:  sie hat noch eine Großartigkeit verglichen mit der stromlinienförmigen Massen-Welt, wie sie z.B. in “Brave new world” von Aldous Huxley dargestellt ist. Es wird uns deutlich, daß selbst das neue Heidentum, der krampfhafte Versuch, in einer entgöttlichten Welt doch wieder zu einer Anbetung des Lebens, des Schicksals, des Staates, des Helden zu kommen - daß selbst dieses neomystische Heidentum von dem Abgrund dieses sterilen Nihilismus der Feiglinge und Ferienjäger verschlungen werden wird.

    Es stimmt nicht, daß der alte und neue Heide sich ärgern an moralischem Geschwätz und hochtönendem Gerede von “höherem Leben”. Über derlei kann er ruhig lachen..... Aber das Lachen vergeht, wo das Evangelium kommt als eine treuherzig freundliche Einladung, sich an den gedeckten Tisch von Gottes Geheimnissen zu setzen und den Frieden zu feiern, den er gestiftet hat. 9a    Dieses Nihil ist kein Nichts, sondern Rebellion. Das tritt erst voll ins Licht, wo die Liebe erschienen ist..... (...) Die ist frei und die ist mächtig - die ist souverän. Kraft dieser Liebe ist die Rebellion vergeblich, muß sie sich totlaufen, darf sie untergehen.....

    Alle Zwischentöne werden, wenn es hart auf hart geht, ausgelöscht werden von der Gewalt dieser Alternative: entweder die Liebe, diese Liebe - oder das Nichts, das barbarische oder das bürgerliche “Gott ist tot”.

10    a) Wäre der Name nicht zuerst gekommen, so hätten wir keine echten Fragen; so aber sind sie legitim und in gewissem Sinne geheiligt. b) Wo der Name die Herzen noch nicht mit Beschlag belegt hat, sind die Fragen, von denen wir hier reden, überhaupt nicht legitim, nicht gültig zu stellen. c) Unter dem Regiment des Namens weiß jeder, daß er mit allem, was er ist, eine Antwort an Gott ist, die Existenz selbst in Zuwendung und Abwendung so oder so eine Antwort auf die Existenz des Herrn, der offenbar ist in seinen Tugenden, in seinem adligen Gang.

    Wer an den Namen glaubt, kommt in Widersprüche und geistliche Not, weil er an Jahwes Adel glaubt. Was aber hat der, der nicht mehr (oder noch nicht) glaubt, eigentlich zu fragen? Ihm fehlt die Adresse, er kann nicht sagen, warum er eigentlich Fragen stellt an Jemand, der nicht da ist, an eine projizierte Idee. (.....) Wer im Ernst Atheist ist, kann keine Fragen stellen. Vielleicht tut er es doch, um “Gott” mit Vorwürfen bestürmen zu können. Er tut es Israel nach, doch er wendet sich an den Falschen.

    Wir kommen zu dem Schluß, daß der Glaubende es sehr schwer hat in dieser Welt und ihren Rätseln; und wenngleich er sich selbst in Erregung nicht zu der Rede von einem “sadistischen All” oder von Gottes “maßloser Schuld” und dergleichen Ungehörigkeiten hinreißen lassen wird, so haben doch Israel und die Kirche in der Tat viel zu fragen angesichts von Schicksal, Leid und Grauen. (.....) .....das Ende dieses heiligen Kampfes ist dann schließlich, daß die Rätsel übergehen in Geheimnisse. (.....) Sie hören auf, uns vor die Füße geworfene Probleme zu sein, und werden heimlich vor unseren Ohren Zukunftsmusik und in unserem Herzen die unauslöschliche Ahnung, daß die Liebe und der Logos wesenseins ein müssen. Gott kann auf die Dauer nicht mit irgendeiner Sinnlosigkeit, mit Chaos, mit Tumult zusammen gedacht werden. Wohl mit dem Schmerz, nicht mit dem Unrecht; aber Schmerz ist kein Unrecht! Die Neigung, das Leid als eine kosmische Unrechtmäßigkeit zu empfinden, ist, meine ich, eine der Wurzeln des Nihilismus.

Stichworte zum 7. Kapitel: “Die Taten”

1    Sich des Denkvermögens zu bedienen - an sich eine gute und notwendige Sache - ist im Hinblick auf Gott zwiespältig und von da her gefährlich. Dagegen hilft nur, sich beim Weiterdenken einer festen Regel zu unterziehen (nämlich der Logik der Heiligen Schrift zu folgen).

1a    (Nichts gegen kirchliche Tradition und Dogmenbildung, aber:) Es ist notwendig, die Bibel selbst wieder in ihrer eigenen Sprache reden zu lassen - und sie ausreden zu lassen. Wir müssen von der Tradition der Bibelauswahl weg, auch von den “schönen Texten” und ebenso von den “schwierigen Stellen”.

2    Gottes Taten bestimmen unsere Erkenntnis seiner Tugenden. (.....) Die Eigenschaften Gottes sind die Attribute seines Handelns. Was wir über ihn sagen, kann nichts anderes sein als eine Schlußfolgerung aus seinen Taten, aus seinen Taten. Auf den Tatcharakter von Gottes Offenbarung kommt alles an, beim Lesen der Bibel wie in der Praxis des Lebens, das sich durch die heilige Lehre ausrichten lassen will.

3    [Biblische Belegstellen für die Aussage, daß Gottes Tat primär ist.]

4    Die Schöpfung ist eine Tat und der Bund ist eine Tat und das Walten der Vorsehung ist eine Tat; der Auszug aus Ägypten ist eine Tat (“mit ausgerecktem Arm”, 2. Mose 6,6) und die Verbannung ist eine Tat. (...) Es gibt einen Ratschluß Gottes, es gibt einen Weg Gottes über die Erde, und auch davon haben wir zu reden. Voranstehen aber muß das andere: Wir werden konfrontiert mit dem Zeugnis der Taten des Herrn.

    In diesen Taten begegnen die Menschen ..... nicht der Gerechtigkeit Gottes, sondern dem gerechten Gott - Gott, wie er gerecht ist, die Welt richtet, das Leben zurechtsetzt, den Menschen an seinen Platz stellt; begegnen sie - jetzt besser als vorhin gesagt: nicht der Barmherzigkeit Gottes, sondern dem barmherzigen Gott - Gott, wie er barmherzig ist, die Welt noch trägt, das Leben noch möglich macht und duldet, den Menschen überkleidet mit Freispruch und Vergebung, mit Freude und Friede. In der Tat ist Gottes Gegenwart offenbar.

4a    Die Rede von der Schöpfung ist eine Folgerung aus der Geschichtstat.....

4b    Zur allgemeinen Geschichte gehört ein allgemeiner Gott; aber es ist ein für allemal bewiesen, daß wir den Begriff “Weltgeschichte” nie gedacht hätten, wenn uns die Propheten nicht gelehrt hätten, daß wir erst durch Jahwes Konzentration auf das eine Volk, das immer als pars pro tot steht, Anteil an der Menschheit haben, und wenn wir unser Denken nicht untergetaucht hätten in den Strom seiner Taten. Die Einzigkeit Jahwes ist der Grund der Einheit des Menschseins und der Weltgeschichte.

5    Der Tatcharakter der Offenbarung hat allerlei Konsequenzen für Lesen und Lernen und Leben - an erster Stelle die, daß nicht alles, was geschieht, als “Tat Gottes” gelten kann.  (.....) Gälte jene Konsequenz nicht, so würde sich das geistliche Leben im biblischen Sinn verflüchtigen zu einer religiösen Ehrfurcht vor der sogenannten Vorsehung, dann würde das geistliche Urteil vergewaltigt werden durch die stumme Faktizität, dann würde das Lob in der Gemeinde ersterben.
    Wenn das Erzählen, das Loben und Preisen der Taten des Herrn nicht ein ehrfürchtiges Achthaben auf das Besondere, das Ausnahmshafte ist, wird auch die ganze Liturgie, der ganze Gottesdienst seines Sinnes beraubt. Und das Prädikat “besonders” allein reicht für die Tat Gottes nicht aus - denn auch der Satan tut in der Weise und gemäß dem chaotischen Stil seines Reiches besondere Taten -, sondern dieses Besondere muß sich, obwohl in der Welt, gegen die Tendenz der Geschichte in ihrer Abwärtskurve erheben, im Gegensatz zu den Taten der Dämonen, die mit all ihrer Besonderheit in der Welt für die Welt sind und die Welt in ihrem Eigensinn und ihrer Entfremdung bestätigen bis zur Verstockung.

    Indem sich Gott in die Welt, in die Geschichte einmischt, wird er handgemein mit dem, was dem menschlichen Leben Verderben bringt. Er ist immer für den Menschen ..... so offenbart er sich als des Menschen Verbündeter.

6    Die eine Tat, von der alles übrige zum Geschehen geweiht wird, ist die Sendung des Sohnes, das Kommen des Messias, das Ganze seiner Worte, Werke und Wunder, die Tat aller Taten, die da ist sein Sterben und seine Auferstehung. Dort und dort allein haben wir den Charakter, den Sinn, das Ziel, die allen Taten Gottes eigentümlich sind, zu lernen, Charakter, Ziel und Sinn all jener Taten, die er getan hat in der Welt, gegen die Welt - und jetzt dürfen wir hinzufügen: letztlich für die Welt.

    Wäre er nicht von den Toten auferstanden, so wäre Jesus eine historische Gestalt neben anderen, mit ihnen allen in die Vergänglichkeit - der auch der Geist unterliegt - gebannt. Sein Wort könnte uns nicht als persönliches Wort anreden, sein Kreuz wäre ein Martyrium für die gute Sache. Nun aber ist er, als der ewig Lebendige, jedem Menschen nahe, so nahe wie Gott selbst, der uns näher ist, als wir uns selbst sein können.

6a    .....die Begegnungen sind vor und nach dem Kommen ses Sohnes ihrem Wesen nach Begegnungen mit demselben Gott, JHWH. Daß die Bibel kein System in sich trägt und dennoch eine Einheit bildet, rührt von diesem einen, in jenem “Vor” und in jenem “Nach” konstanten Thema her, daß die Taten des Herrn uns zu Begegnungen werden. Darum ist die Lehre eine Welt, in der man aus- und eingehen kann; sie handelt von unserem eigenen Leben. (...) Wo sollen wir lernen, daß das geistliche Leben das gewöhnliche Leben ist, sofern es gesegnet wird mit den Begegnungen, mit den Taten Gottes, mit denen er uns entgegentritt und in denen wir seinen Tugenden begegnen, wenn nicht im sogenannten Alten Testament?

7    Wir sagen: Die Schöpfung ist Tat, der Bund ist Tat, die Vorsehung ist Tat usw. - wir nehmen davon nichts zurück, im Gegenteil, die gewisse Zurückhaltung, die anfänglich walten mußte, können wir jetzt durchbrechen, um mit Kraft und Nachdruck die Schöpfung und den Bund und die Vorsehung zu loben - dann jedenfalls, wenn wir aus der heiligen Lehre gelernt haben, daß sie um des Messias und um den “Gang des Gesalbten” (Ps. 89, 52) willen zu loben sind, im Blick auf die erste und die zweite Erscheinung Christi, als Taten also, in denen sich die Tat widerspiegelt oder ankündigt, vorbereitet oder entfaltet.

Stichworte zum 8. Kapitel: “Wort”

1    Der Heide (d.i. der Mensch in seiner natürlichen Religion) feiert das Sein, die Jahreszeiten, den der Sterne, die Ernten der Erde als eine ihre Sättigung in sich selbst tragende Tatsache, die uns aufs üppigste sättigt und tief erlabt.

    In der Bibel geht es um das, was Gott dann und dann, dort und dort, aber immer auf der Erde und zu Menschen gesagt hat. (...) Es beginnt nicht bei der Weltwerdung, sondern es beginnt im Menschenleben zu tagen.

2    So wie die Tat Gottes ihrem Begriff nach Heilstat ist und Geschichte macht, so ist das Wort Gottes Heilswort. So wie die Gotteserkenntnis Israels von der Tat der Befreiung zur Schöpfung als Tat zurückging, so wird auch das Erkennen des Wortes der Offenbarung, des Gottesspruches, schlußfolgernd ausgedehnt zum Wort der Schöpfung.

    Die Schöpfung ist Heil, sofern sie dem Heil der Menschen dient und dem Heil, dem Sieg des Herrn, in der ewigen Zukunft eine stets erneuerte Grundlage und Basis zu geben hat. (...) Wort ist gesprochenes Wort, Stimme in Richtung auf den anderen, dem zugesprochen wird.....

3    [Bibelstellen, die den Zuspruch-Charakter des Gotteswortes belegen.]

3a    Die Einheit von Rufen, Richten und Heilen können wir annäherungsweise ..... das schaffende Wort nennen. (.....) ..... daß dieses schaffende Wort uns doch eigentlich nie als solches ..... entgegentritt, daß es auch an sich und als solches niemals als Heilswort erscheint, wenn wir nicht von den Prioritäten des Namens ausgehen und sein Heilswort  hören - und wenn wir uns nicht überdies immer wieder an die genannten Grundformen “rufen”, “richten” und “heilen” halten, um konkret zu lernen, worum es geht - wobei auch die Reihenfolge alles andere als gleichgültig ist.

4    Nun die Kehrseite: Was den Menschen zum Menschen macht, ist nach der heiligen Lehre nicht, daß er ein vernunftbegabtes Lebewesen ist, sondern daß er das Wort hat. (...) Ihm ist die Sprache geschenkt, die Krone der Schöpfung, das Tor zu allem geistigen Verkehr, das Fenster und die Aussicht zu der täglichen und der ewigen Gemeinschaft hin.

    Der Mensch spricht, weil er angesprochen wird. Er gibt Antwort, er ruft an - Gott, diesen Gott, dessen Namen wir buchstabieren, dessen Tugenden wir kennen, dessen Taten wir spüren in dem im übrigen so fremdartigen, so beklemmenden Leben.

    Davon weiß das Heidentum nichts, das seinen höchsten Ausdruck eher im Tanz findet, ebensowenig das Heidentum, das seine erhabenste Form im heroischen Schweigen unter dem Schicksal hat; und es würde auch uns unbekannt sein, hätte die heilige Lehre uns nicht unterwiesen und würde der Geist unser Herz nicht überwältigen.

    Die Antwort des Geliebten [ist] das wahre Menschenwort, in dem der Mensch er selbst sein darf. Die Liebe spricht, der Lebendige lobt aus Gegenliebe, als Antwort auf den Namen, auf die Offenbarung. Die Offenbarung ist die Liebe der Liebenden, nicht des Geliebten; aber das antwortenden Wort (das Gebet, die Danksagung und das Lob) ist die Liebe des Geliebten.

4a    Daß Gott gut genannt wird, das ist das Äußerste, wohin das menschliche Wort reicht, wenn es durch alle Fegefeuer der Anfechtung gegangen ist.

    Wir sprechen von “Vaterland” und “Muttersprache”; aber kein menschliches Wort kann seinen letzten Sinn finden, wenn nicht der Name als Vaterland und das Wort als Muttersprache dieses Sinnes entdeckt wird.

5    In konsequenter Philosophie sowohl wie in konsequenter Sachlichkeit stirbt das Gotteswunder der Sprache. Die Entfremdung von Gott, von diesem Gott, muß Sprachverwirrung, Unwahrhaftigkeit, Gewalttätigkeit, Übertreibung und Aushöhlung in diesem Medium des Geistes: der Sprache, nach sich ziehen. Man flüchtet in die Tat, die die Rechenschaft verweigert, man flüchtet ins Gefühl und erhebt die Musik über das Wort, nicht ohne die Absicht, das Geheimnis des Nächsten noch zu meiden und auf Abstand zu umschiffen, man flüchtet in den Begriff, die Abstraktion, die Ziffern, die Statistik, den Slogan, das Schlagwort, die Abkürzung, das Krieggeschrei. Die Parole - oder ..... man flüchtet in die weiße Magie des Kunstwerks, in das Wunder des singenden, selbstgenügsamen, vollkommenen Wortes.

5a    Es geht die Kirche an, was in der Welt gesagt wird. Um seines Inhalts willen natürlich - aber schon vorher, formal und fundamental, berührt alles, was sich in der Welt des Wortes rührt, indirekt den Auftrag der Kirche, zu lehren und zu lernen. (.....) Die Kirche hat ihren eigenen Wortschatz, den man lernen muß; aber nicht nur deshalb gehen alle Schicksalswendungen des Wortes sie an; sie ist keine Sekte oder Loge, sie ist eine öffentliche Sache und ist ausgesandt unter die Völker, und dafür ist ihr als Medium, Waffe und Balsam an erster Stelle das Wort gegeben. (...) Und es ist alles miteinander Vermessenheit und Selbstüberhebung, wenn es nicht verstanden werden darf als Antwort auf das Wort Gottes und als dessen Abglanz und wenn es sich bei aller Verwandtschaft nicht klar unterscheiden kann von dem, was im übrigen in der Welt gesagt zu werden pflegt oder was in einer bestimmten Zeit einer gerade dominierenden Strömung zu verkündigen beliebt.

5b    Bisweilen beschleicht mich die Sorge, all dieser Nachdruck des Redens vom Wort könne eine zusätzlichen Anlaß geben zum Verjagen der Stille, auch der guten, der lebendigen, der geschaffenen Stille. Der Gefahr, daß wir die Stille an sich zu einem Mysterium aufblähen, steht die andere gegenüber, daß wir uns auf der Flucht vor der Stille, die je und je zu gegebener Zeit ... die gute Stille werden kann, mit Worten ..... immun machen lassen gegen die Erfahrung von Gottes gegenwärtigem Reden, welches unsere Stille bricht, um das Stillsein wiederherzustellen, das sich für die Zuwendung seines Angesichts ..... öffnet.

6    Wie das Wort Gottes ein Jawort ist, so ist das Menschenwort des Aufrichtigen eine ja-sagende Antwort.

7    Wie Gott in der Wirklichkeit spricht, aber derart, daß es weiter reicht als die reichste Wirklichkeit, so spricht der Glaubende in der Wirklichkeit, aber derart, daß es weiter reicht als seine eigene armselige Wirklichkeit: er sagt stets mehr, als er ist. Und so geziemt es sich. Sein Glaube ist der Tat voraus; und es kann nicht anders sein.

Stichworte zum 9. Kapitel: “Weg”

1    Wie verhalten sich nur Gottes Taten und Wort zueinander? Sie lassen sich nicht trennen; das Wort geht vorauf, und die Tat illustriert das Wort oder auch: die Tat geht vorauf, und das Wort beleuchtet die Tat.

    Fragt man, ob nach dem ABC denn ein vollkommenes Gleichgewicht bestehe, so muß  die Antwort lauten: nein; das voraufgehende Wort hat ein entscheidendes Übergewicht über das nachfolgende Wort. Die Verheißung ist entscheidender als die Ermahnung; die Verheißung hört selbst dann nicht auf, wenn das Vorausgesagt eingetreten ist.

    Der sprachliche Befund hält fest - und für ein gesundes Sprachgefühl versteht es sich von selbst -, daß wir nicht an die Taten des Herrn, sondern an das Wort glauben - und an die Taten, wie sie uns durch das Wort verkündigt werden.

2    Die Bibel hat ... ein Urwort, ..... wir meinen das Wort Weg. (.....) Wir können es so sagen: Durch dieses Wortzeichen “der Weg Gottes” wird das Heilsgeheimnis der Geschichte, die Geschichte als Heilsgeheimnis angedeutet. (...) Nur durch die Erkenntnis seiner Wege kommen wir zur Erkenntnis des lebendigen Gottes, so wie er durch die Welt schreitet.

3    Das Heidentum ..... muß letztlich ... lehren: im anfang war das Chaos! Ineinander verschlungen in verwildertem Gleichgewicht und gleichmäßigem Wechsel sind von Anfang an gut und böse, Leben und Tod. (...) Wir, die wir uns von der heiligen Lehre unterrichten lassen und die biblische Grundstruktur buchstabieren lernen wollen, sagen: nein, das kann nicht wahr sein, so gewiß der Herr die Gottheit ist.

    Was nützt uns ... die prinzipielle Einsicht, daß das Wahre logisch vor dem Verkehrten ist, wenn praktisch das Verkehrte darin seine überlegene Ausdauer feiert, daß es in der Zeitordnung den längeren Atem hat und sich gütlich tut an der Regel: Wer zuletzt lacht, lacht am besten? Und damit stehen wir dann so entsetzlich allein! Denn wir haben Geschichte, nicht die Tiere und nicht die Engel. Nur wo ein Anfang und ein Ende ist, kann auch etwas geschehen, das Geschichte heißen kann.

    Die Tiere und die Engel haben keine Geschichte, aber Gott hat eine Geschichte. Und der Mensch, der davon wissen darf, braucht niemals einsam zu sein, auch nicht beim Lachen der Gottlosen; und lachten sie alle zusammen, ja lachten sie nach unserer Erzählung wirklich zuletzt - es kann nicht die beste Form von Triumph sein.

4    Die Religionswissenschaft sagt - und es klingt so unehrerbietig und ist doch tief wahr -: JHWH ist ein Wandergott, ein Führer der Nomaden. Wenn wir streng daran festhalten,  daß dies zu seinem Namen, seiner Offenbarung auf Erden gehört und wenn wir uns gut erinnern, daß zu diesem Namen die adjektivischen Attribute seiner Tugenden - Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Weisheit und Geduld - gehören, und wenn wir ferst im Auge behalten, daß dieses Besondere, diese Gestalt und dieses je bestimmte Tun nicht im mindesten einen Widerspruch bilden mit seiner Allmacht, Allgegenwart und Allwissenheit - dann wird uns auch diese Bezeichnung “Wandergott” zu einem Hinweis darauf, wie der Weg der Erkenntnis verläuft: von der Erkenntnis von Gottes Weg zur Erkenntnis seiner wesenhaften Gottheit und nicht umgekehrt.     Gott, JHWH, hat einen Weg, schafft sich Raum und macht, selber mitreisend nach der ewigen Stadt, seine Menschen zu Mit-Reisenden mit Ihm, zu Wanderern, aber nicht zu Abenteurern, nicht an der Scholle klebend, wohl aber treu: treu dem Ziel, treu dem Wort, schauend auf die Taten des Herrn.

    Jahwe hat eine Geschichte. Er macht Geschichte für uns und mit uns. Seine Hoffnung ist unsere Hoffnung, seine Göttlichkeit ist Mitmenschlichkeit. Das bedeutet: Gott ist selber im Akt seines Seins Geschichte. Auch das liegt beschlossen in dem Namen “Immanuel”, “mit uns geht Gott mit”.

5    Die herrliche Realität der Geschichte wird offenbar im Reich Gottes, das aufwächst auf den Feldern der Geschichte oder sich über die Felder der Geschichte ausgießt und verbreitet. Eine “ewige Wiederkehr” könnte niemals etwas Neues hervorbringen; kein Ring von Reinkarnationen kann den Ernst zielgerichteter Geschichte ersetzen.

    Das Siegel der konkreten Geschichte ist die Politik, das Ringen um das Recht in der Gemeinschaft, der lange Weg, der allein darum kein Wahnsinn ist, weil der Name, die Offenbarung, Kyros und Kaiser Augustus und Pontius Pilatus in Dienst nimmt. Und ist der Gegen-Messias, der Antichrist letztlich eine politische Gestalt, so ist der Messias, der Christus es nicht minder; ja, der Gegen-Kandidat würde sich nicht so breit machen, schritte nicht auf dem Wege Gottes der Messias sehr entschieden auf den Weltthron zu.

5a    [Biblische Belegstellen für Gottes Kommen / Mitgehen usw.]

6    Wort und Tat tendieren auf das Ende hin, tendieren auch auf Schutz und Bewahrung und Befreiung dieser ohnmächtigen Menschen und wehrlosen Erwartungen. (.....) Dies ist nicht nur ein Reden, nicht nur ein Tun, sondern eine Worttat und ein Tatwort, das eine Bahn beschreibt quer über die Erde, eine Arbeit tut, ein Werk vollbringt - ein Werk, das der Schöpfung im Anfang an Gewicht gleichkommt, ja sie übertrifft.

6a    Blicken wir von Jesus Christus aus zurück auf das Alte Testament, so wird dieses erst recht lebendig als Zeugnis von dem Gott, der nach wie vor seinen Weg geht über die Erde, so daß er mit der Herbeiführung des Endes sein Werk vollenden und herrlich sein wird in all seinen Heiligen und auch in der Welt.

7    Der hebräische Wortstamm, von dem die Worte “Erlösung”, “Heil”, “erretten” in unseren Bibelübersetzungen abgeleitet sind, bedeutet: Raum machen, Raum schaffen, Raum sichern, nämlich für die Menschenkinder, die in der Enge, in Bedrängnis, in Angst, in Todesangst sind. Die beste Wiedergabe ist “befreien” und “Befreiung”.

    Dabei macht das biblische ABC keinen Unterschied zwischen persönlicher Not und Volksnot, zwischen geistiger und leiblicher Bedrängnis; geht es doch so oder so immer um den Menschen in seiner Daseinsverkümmerung und um diesen Gott, der “Befreiungen wirkt im Innern des Erdlands” (Ps. 74, 12, Buber).

    Er hat - und das ist die treibende Kraft der Weltgeschichte - einen Zwist mit den das Recht schändenden Herrschern (Jes. 11, 4; Ez. 34, 23). Gott ist ein Richter der Völker. Das ist nicht in erster Linie der, der ihnen das Urteil spricht, sondern vielmehr der, der ihnen Recht verschafft (Ri. 6, 14ff.; 8,22f.; 1. Sam. 8,5f,; 11,13):

8    In der heiligen Lehre ist noch auf andere Weise von “Gottes Weg” die Rede, nämlich als Synonym für die Erfüllung von Gottesgeboten.

    Nicht die Weltgeschichte als solche und auch nicht die Kirchengeschichte als solche ist das Feld von Gottes Taten. Und noch weniger die Natur, so wie sie lebt und webt. (.....) In besonderen Momenten erweist es sich, daß sein Herz sich in dieser oder jener Tat der Hilfe und des Heils durchsetzt. Dann sind Vorhaben und Tat nicht nur dicht beieinander, sondern identisch.

    Die Taten Gottes zielen auf die Freiheit des Geschöpfs, stellen Gottes Güte, seinen Widerstand gegen alle Tyrannen und die Rettungen, die er allen Unterdrückten angedeihen läßt, ans Licht. Gottes Taten sind die Fußstapfen des Gesalbten (Ps. 89, 52; Ps. 85, 14). Er ist der Voranziehende, der Pionier, der Melek, der Herzog, dessen Fußstapfen man folgen kann und darf (vgl. 2. Mose 11, 8), bis in das Reich, wo “Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen” (Ps. 85, 11). So unterscheidet er sich in der Welt von der Welt, so grenzt er sich ab gegen alles, was geschieht, und alles, was getan wird in der Weltgeschichte, und nicht selten wird der Mensch nichts davon gewahr (Ps. 77, 20).

Stichworte zum 10. Kapitel: “Heiligung”

1    Wir haben [in der Bibel] kein eigenes Gewicht, wir werden von unserem Platz verdrängt, es scheint über uns weggesehen zu werden, unser sehr persönliches Porträt ist nicht darin noch auch die Spiegelung unserer Träume, noch das Bild unseres Lebensabenteuers, noch die Rechtfertigung unserer heimlichen Vergangenheit.

    Wir können es einfach nicht glauben, daß, wenn das Buch der Bücher geöffnet wird, unser Lebensbuch, in dem zu blättern, was es auch enthalte, uns so guttun kann, zuschlägt (vgl. Offb. 20, 12).

1a    Wir werden ..... auch dies finden, daß da [in der Bibel] indirekt selbstverständlich fortwährend vom Menschen gesprochen wird, gerade wenn von Gott, von diesem Gott, gesprochen wird. Jedoch wenn vom Menschen gesprochen wird, geht es, umgekehrt, um Gott.

    Darum ist die Bibel ein so fremdartiges und ärgerliches Buch; der Mensch wird da nicht verherrlicht, als Partner ist er kaum unentbehrlich; es wird über seinen Kopf weg über ihn verhandelt. Wohl ist er dabei, aber wenn es darauf ankommt, dann so, als wäre er nicht dabei. Das gilt nicht nur von den bösen Menschen, sondern auch von den frommen Leuten; ja eigentlich kommen die frommen Leute in ihrer Absonderung noch weniger zu ihrem Recht als die Bösen in ihrem Dünkel. Alle Menschen sind gewöhnliche Menschen.

    Das heilige Land ist nicht ein Land von frommen Menschen, sondern es ist ein ganz gewöhnliches Land. (.....) Es gibt keine Qualität “heilig”, mittels derer dann etwas geschehen würde, was durch das Verb [heiligen] ausgedrückt wird.
    Heilig ist, was geheiligt wird, und heiligen heißt: etwas oder jemand absondern, beiseite-stellen, zur Verfügung halten, weihen, darauf Beschlag legen, es gebrauchen. (...) Das hat in erster Instanz mit einem sittlichen Standard nichts zu tun. Es besagt: Hier begegnen wir etwas Profanem, das gleichwohl von Gott aus dem übrigen profanen Leben ausgesondert ist, um ein Zeichen seiner göttlichen Absicht zu sein.

    Nach dem religiösen Lebensgefühl besteht ..... ebenfalls ein Unterschied zwischen profan und sakral. (...) Der kennzeichnende Unterschied liegt darin, daß die natürliche Religion die Quellen und Gipfel des Lebens für in sich selbst sakral hält; der Heide entdeckt oder erklärt, daß das Blut, die Geschlechtskraft, die Fortpflanzung, der Herd - oder der Wein und der Wettkampf, der Krieg und der Staat “heilig” sind, d.h. mit einem Fluidum von Macht geladen. Letztlicht verherrlicht er ..... das All, die Urkräfte als Totalität.

    Der Name Gottes bedeutet die Entgöttlichung der Welt und die Leugnung, daß das Bestehende, wie mächtig es auch sei, in sich selbst sakral sein könnte oder um seiner selbst willen göttliche Verehrung verdiente. Gott ist es, der die Heiligung vollzieht.

    Genau dies ist ..... die Sache, um die es in der Bibel geht; denn nicht die Menschen, die noch glauben, sondern Gott selbst ist da auf der ganzen Linie Saboteur, ..... Lächerlichmacher jener Natur, die sich aufbläst zum Gott; er ist selbst der große Meuterer, weil er der Retter und Erlöser der armen und gequälten Kreatur sein will. 2    Die Unterweisung dient zu unserer Heiligung, darum ist sie selbst zu etwas Ausnahmshaften gemacht und als solches durch den Titel “heilig” gekennzeichnet. Der Name selbst heiligt uns, und er will auf Erden geheiligt werden. Menschen, auf die er Beschlag gelegt hat, werden darum heilig genannt.

3    Was ist ... Bund, Fleisch, Geist, Welt? Was ist der Sinn von Gestalten und Formen wie Priester, Prophet, König, Tempel, Opfer? An all das kann man nicht anders herankommen als von der “Heiligung” aus; nicht als Hilfslinie und Erläuterung, nein, wirklich als bestimmende und entscheidende Wirkung Gottes, dieses Gottes, werden wir die “Heiligung” erscheinen sehen, immer wieder, immer anders, doch ihrem Wesen nach als eine einzige und einfache.

4    Nun wird man fragen: Was hat es für einen Sinn, Gott selbst heilig zu nennen, wenn das Bisherige wahr und sachgemäß gedacht und gesagt ist? Wie kann bei ihm die Rede sein von einem Aussondern, Absondern, Bereitstellen? (...) Ja, der Herr selbst wird heilig genannt, weil er sich als der Andere in der Welt von der Welt unterscheidet; mehr noch: daß dieser Gott Gott ist und Gott sein will, daß JHWH, daß der Vater unseres Herrn Jesus Christus in aller Ewigkeit und in jeder Sekunde der Zeit willens ist, sich als Gott zu behaupten - genau das ist die Tugend, die wir “Heiligkeit” nennen.

    Die Bibel bringt die Heiligkeit ständig in Zusammenhang gerade mit der Offenbarung, der Nähe, der Tat, dem Wirksamsein, der Erwählung, dem Bund, dem Mitgehen und Führen des Herrn. Der “Heilige”, das ist wohl der Gott, zu dem kein Weg führt, aber es bildet die negative Kehrseite des Positiven, der heilsamen Botschaft, daß er sich in der Welt von der Welt “tätig” unterscheidet und einen Weg der Menschen geht.

5    Gott macht seine Auserwählten zu Ungläubigen, nämlich in ihrem Verhältnis zur Welt und allen deren Göttern. Er greift sie und weckt sie auf aus der Indolenz des Fleisches; er nimmt sie und läßt sie schauen auf seinen Adel und auf seine Taten; er stellt sie beiseite und zeigt ihnen den Weg, den er geht, den Gang des Gesalbten; er spricht sie an und gibt ihnen das Wort und erweckt den Lobgesang in ihren Herzen; er legt die Hand auf ihren Leib und lehrt sie dienen, damit ihre Glieder nicht mehr gegeben werden “dem Dienst der Unreinheit und der Ungerechtigkeit”, sondern “dem Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligung” (Röm. 6, 19).

    Gottes Sein ist nirgendwo anders zu finden als in dem, was er tut. So auch der geheiligte Mensch: er ist nirgendwo anders zu finden als in dem, was er tut, und er wird gewogen nach dem Inhalt seiner Taten.

    Dieser Gott bedeutet die Entgöttlichung der Welt; und die Heiligung, die er an uns vollzieht, ist die Entgöttlichung, Entzauberung der Welt für uns.

6    Die Freiheit seiner Allmacht betätigt er darin, daß er skich mit uns “abgibt” - aber es würde uns nicht als Seine freie Allmacht erscheinen, wäre er darin nicht sich selber treu, wäre die Art, wie er sich uns zuwendet, nicht anders als bei Zeus oder Wotan, Brahma oder dem Schicksal: ungeschuldet, ungetrieben, nicht-bedürftig, souverän und also in der fortgesetzten kreativen Leugnung der Gottesmächte - das alles um derer willen, die Er berufen hat und die Ihn verstehen sollen.     Die Heiligkeit Gottes ist die Absonderung, in der Gott, obwohl nahe und gütig und Gutes tuend, Gott ist und als Gott seinen eigenen Weg geht. Auch und gerade insofern er kraft seines Namens und laut der Namen, mit denen wir ihn nennen, sich als Immanuel ... erweist, bleibt er der Herr, der Andere, sich selbst genügend, in sich selber herrlich. Und das ist auch für unser Heil heilsam und die Gewähr, daß die Gnade göttlichen Grund und die Nähe göttliche Tiefe und unser Unglaube (gegen die Götter) göttlichen Sinn hat.

7    Von hier aus nähern wir uns am besten dem Begriff “Bund”. Er ist gestiftet! Er ist von einer Seite gekommen! Und doch begründet, bewahrt und schützt er eine Gegenseitigkeit zwischen Gott und Mensch (...): Ihr seid frei dazu, meiner Initiative keine Schande zu machen. (.....) Wenn der Mensch ..... “Bundesgenosse” ist und bleibt, dann verdankt er das mehr und mehr der Treue Gottes gegenüber dieser seiner ersten Initiative. Gott behält den Primat, weil er den authentischen Entwurf des Bundes gemacht hat.

    Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig, seid anders, denn Ich bin anders, leugnet, was ich leugne, wählt, was Ich wähle, und verwerft, was Ich verwerfe, begehrt, was Ich begehre. Dann werden wir für dasselbe einstehen, und ihr werdet teilhaben an Meinem Frieden. Siehe, Ich habe euch herausgeführt aus dem Diensthaus der Dämonen.

    Bleibe bei deinem Befreier: darum wirst du keine anderen Götter haben; dir kein Gottesbild machen; du wirst die heidnische Prosternation, das Sich-Niederbeugen, das Sich-Hinwerfen vor den Gottesmächten unterlassen; Meinen Namen, Meine Offenbarung nicht gebrauchen für deine profanen Zwecke und eitlen Angelegenheiten; den Tag “heiligen”, der verkündigt, daß Ich - und nicht du - die Welt vollenden werde; und du wirst vor deinen Eltern Respekt haben, weil Ich sie eingesetzt habe; und du wirst Achtung haben vor dem Leben und der Ehe und dem Besitz und dem guten Namen deines Nächsten.

    Das sind die Zehn Worte ....., durch die man “den Bund bewahrt”; die Methoden des Beharrens im Bunde! Wenn du bei Mir bleibst, wirst du es nicht nötig haben, von neuem vor den Mächten zu kriechen und deinen Mitmenschen an Leib und Seele und Leben zu schänden. Du wirst Leben im Überfluß haben.

7a    [Biblische Belegstellen für “heiligen”]

8    Daß der Mensch sich heiligt, weil er geheiligt, d.h. ausgesondert worden ist, bedeutet also an erster Stelle die bewußte Freude über die Befreiung aus dem Joch der Welt, aus den Zwangs- und Dranggesetzen der “fremden Religionen” (in diesem Sinne spricht noch die Confessio Belgica von 1561 in Art. 34 von der Taufe) (vgl. 3. Mose 20, 7; Jer. 6, 4).

    Der Mensch heiligt sich, weil er geheiligt wird, weil er geheiligt, heimgesucht, berufen, erwählt ist. So bekehrt er sich, insofern er glaubt, daß er schon Vergebung empfangen hat. Wenn nun der Mensch sich heiligt, heiligt er sein Leben, seine Arbeit, seine Ehe, seine Freundschaft, die Gesellschaft, für die er mit verantwortlich gemacht wird. (.....) Darum kann kein Bereich unberührt abseits liegengelassen werden. 8a    Weil der Mensch im Gesichtsfeld der Bibel in einer Bundesbeziehung zu JHWH lebt, darum kommt die Aktion der auszeichnenden Unterscheidung wohl ursprünglich von einer Seite und ist eine göttliche Tat, darum besteht aber - das wird dadurch nicht aus-, sondern gerade eingeschlossen - der einmal gestiftete Bund in einer echten Gegenseitigkeit, worin der Mensch die Taten tut, die der Geist und sein eigener Geist ihn zu tun bedeuten - obschon auch der Umstand selbst, daß er Lust hat, sich selbst zu heiligen, nicht aufhört, eine gnädige Berufung Gottes zu sein.

9    “Heilig” muß der Mensch heißen, der vermöge einer göttlichen Initiative nicht mehr sich selbst überlassen ist, nicht einfach mehr er selber sein, nicht mehr an seine Selbstverwirklichung glauben kann, sondern, von Gottes Gunst und Gericht umgeben, sich von sich selbst und vor allem von seiner natürlichen Religion entfremdet und nun im Glauben zu leben beginnt. Glaube ist das Annehmen der Heiligung. Darum sind die verstandesmäßige Bejahung, das mystische Vertrauen und die sittliche Willigkeit, die zusammen den Glauben bilden, miteinander eine Tat.

    Der Glaube ist der heilige Glaube, ein besonderes Annehmen, Bejahen, Vertrauen und Erwarten. Er ist Antwort auf den Ruf, er ist Geltenlassen des Namens, der heilig ist; er ist ein Preisen der Tugenden, die besondere sind; eine Nachfolge der Taten, die sich einen eigenen Weg bahnen, ein Hören des heiligen Wortes, ein Vertrauen auf den heiligen Weg. In diesem Sinne und aus diesem Grunde ist auch der Glaube selbst “heilig” zu nennen.

    Vor den Augen des Messias, des Christus, ist der Glaube das einzig Gute in dieser sündigen Welt. Er, der Christus, ist die Tat Gottes. In ihm sind die Tugenden Gottes uns zugut erschienen. Er ist der Name. Er ist selbst das Wort. Sein Weg führt zum rechten Ende der Geschichte.

10    Man verstehe recht: “Fleisch” ist nie der sinnliche Antrieb als solcher. Und “Geist” bedeutet nie: der innere Mensch. Der Geist ist Gott, so wie Er das Fleisch “heiligt”. (...) Der Geist ist nicht ein Fragment oder eine Richtung oder Eigenschaft unserer Natur und wird auch nicht dazu.

    Gott ist für uns, nicht gegen uns, wie wir erwarten würden. Dieser Gott steht auch nicht uns gegenüber, sondern neben uns, gegenüber der Natur und dem Schicksal. Er ist unser Parteigänger, wenn die Macht und die Moral der Menschen uns umbeugen, für ihre Zwecke gebrauchen und erniedrigen wollen.

10a    Ganz allgemein kann man sagen, daß die Qualifikation als “Fleisch”, obwohl das Wort so massiv klingt, ein kaum aussprechbares, empirisch gesehen gleichsam leeres Urteil enthält, welches gleichbedeutend ist mit “unheilig”, nicht-abgesondert, nicht aus dem chaotischen Weltgemisch beiseite genommen, ohne Weihe, ohne Richtung, ohne Sinn.

10b    Das Paradox besteht darin, daß, unter Wahrung seiner Art, der Mensch nicht übrigbehält als sein Verhältnis zu Gott kraft des Bundes. Die sittliche Läuterung fällt nur deswegen zum guten Teil mit der Heiligung zusammen, weil der Mensch nun einmal ein sittlich-geistiges, in geschöpflicher Freiheit existierendes Wesen ist. (...) So gilt denn ..... dies Paradox: mit dieser seiner Art, er selbst zu sein, wird er nicht mehr er selbst sein; mit dem und durch das “Verlieren seines Lebens” wird er die Freiheit gewinnen; mit dieser seiner Freiheit wird er abhängig sein und hören können, sein Leben nicht mehr in sich selber haben.

    Und nun sollen wir auch bei diesen - wie wir es nennen, sehr “geistligen” - Dingen möglichst keinen Augenblick vergessen, daß die Bibel weder “heidnisch” noch “jüdisch” gelesen werden kann, weder als Welterklärung noch als sakrale Jurisprudenz,  sondern daß sie zu lesen ist als Verkündigung, als Proklamation des Bundes.

11    Sünde - ach, wer erlöst dieses Wort endgültig aus der trüben Atmosphäre gesellschaftlicher Unschicklichkeiten! - ist nicht Untugendhaftigkeit, unmoralische Handlung, sondern Bundesbruch, nicht-gedenken daran, Wessen man ist, sich nicht gegenwärtig halten, was es heißt, geheiligt zu sein, abgesondert, um ein Zeichen zu sein für die göttliche Absicht mit seinem Weg in der Welt und über die Erde.

    “Seine Gebote sind nicht schwer” (1. Joh. 5, 3). Warum nicht? Weil sie erfüllt sind, wenn der Mensch daran gedenkt, was getan ist - wenn ein Mensch sich denkend und handelnd erinnert, wessen Eigentum er geworden ist.

12    Wenn das, was wir über “heilig” und “Heiligung” gehört haben, zutrifft, dann kann es nicht anders sein, als daß der Gottesdienst die bleibende Quelle aller Tugenden, die Inspiration unserer Taten sein muß.

    Wer den Göttern “dient”, sie verehrt, der betrachtet als “Tugend”, was dem Bund und seiner Zielrichtung fremd ist. Wer im verkehrten Tempel steht, der steht auch verkehrt im Leben. Wer die Natur und die Kraft verehrt, der kann nicht anders als den Nächsten mit Füßen treten und schänden, der muß das Minderwertige ausrotten, das Schwache verachten, das sorgfältige Abwägen ihrer Taten bei den Gerechten höhen und auch das Denken vergewaltigen.

13    Die Welt ist die Resultante der wohlgelungenen Technik der Überwältigung durch die Götter und Gottesmächte. Die Welt ist kaum mehr ansprechbar. Sehr im Gegensatz zur Erde! Die Erde wird aufgerufen, JHWH zu dienen mit Freude (Ps. 100,2); die Erde bleibt ewig stehen (Pred. 1, 4); ..... die “ganze” Erde ist seiner Herrlichkeit voll (Jes. 6, 3) und die “ganze” Erde soll mit seiner Herrlichkeit erfüllt werden (Ps. 72, 19).

    Wenn alles “nach seiner Art” geheiligt wird, dann bedeutet das, daß die “Welt” geheiligt wird durch die Läuterung, bei der die Erde, die ursprüngliche Schöpfung übrigbleibt und aus dem Schatten der Rebellion scheint als anfänglicher und endlicher Träger der Herrlichkeit.

Stichworte zum 11. Kapitel: “Erwartung”

1    Wir haben uns nun etliche Male ..... vor Urworte der heiligen Schrift gestellt gesehen, die wir nicht für solche gehalten, die wir wenigsten nicht auf den ersten Blick als solche erkannt hätten. (...) Und nun ist das Eigenartige, daß ... unsere Urworte in der Schrift überhaupt nicht vorkommen. (.....) Welche Worte wir meinen? a) Ewigkeit b) All c) Natur d) Religion e) Persönlichkeit f) Tugend g) Ideal.

2    Diese illustre Siebenergruppe kommt in der Bibel nicht vor; anstelle dessen ..... wird gesprochen a) von “Olam” / “Aion”, von ..... dem Leben der zukünftigen Welt..... b) von “Himmel und Erde”: beides Geschöpfe, beides nicht mehr in ursprünglicher Reinheit..... ein geschlossenes, selbstgenügsamen All, ein der Initiative und Kritik Gottes entzogenes Urleben kennt die heilige Lehre nicht. c) von der “ganzen Erde” als dem Gebiet, in dem Gottes Taten geschehen; etwas dem Vergleichbares, was wir mit dem Terminus “Natur” bezeichnen, kennt die heilige Lehre nicht. d) von der “Furcht des Herrn” und dem Dienst im Kultus und im Halten der Gebote .....; aber Religion als einen statischen Zustand, als eine besondere Gesinnung der Seele, als ein Gewißheit hinsichtlich eines in sich ruhenden Friedensreiches kennt die heilige Lehre nicht. e) von dem Menschen - aber “Persönlichkeit” als die mystische Tiefendimension dieser Kreatur ....., eine unzerstörbare geistige Wirklichkeit, die im Prinzip sich selbst genug ist - davon weiß die heilige Lehre nichts. f) von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, d.h. von dem guten und dem verkehrten Verhältnis zu Gott, von Bundestreue und Bundesbruch..... von einem tugendsamen Menschen und einem tugendhaften Leben im geläufigen Sinne der populären oder der philosophischen Moral weiß die heilige Lehre nichts. g) von dem Gebot Gottes, d.i. von der Weise, wie wir auf dem Wege Gottes gehen und bei unserm Befreier bleiben können ..... selbst das Halten [der Gebote] geschieht nicht im Blick auf ein Ideal, dem der Gottesfürchtige entsprechen möchte.

3    Gäbe es keine anderen Gründe - aber sie sind im Überfluß vorhanden -, so würde das biblische Wort “erwarten”und “Erwartung” allein vollauf genügen, um jene Grundworte, die wir mitzubringen pflegen, vollkommen zu untergraben und als lauter Traumbilder zu Fall zu bringen.

4    Das Heidentum hat keine Erwartung, weil es keine zielgerichtete Zeit kennt, weil es keinen Weg sieht und von keinem Wege weiß. (....) Wo keine Mitte der Zeit ist, da ist kein anfang und kein Ende denkbar, da leben wir im Grenzenlosen; und im Grenzenlosen ist kein links oder rechts, oben oder unten, gut oder böse - im Grenzenlosen ist die grenzenlose Freiheit (d.i. Nicht-Gerichtetheit) und die unermeßliche Einsamkeit. Im Grenzenlosen ist alles gleich gewichtig oder - was auf dasselbe hinausläuft - alles gleich ungewichtig; im Grenzelosen des Urstoffs, des Chaos, des Ginnangagup (im germanischen Mythus) ist keine wirkliche Form und keine eigentliche Entscheidung möglich - und, was entscheidend ist: im Grenzenlosen gibt es  ebensowenig eine echte Vergangenheit und eine echte Zukunft.

    Grenzenlosigkeit - das ist der Wahn unseres Geschlechts, und es weiß auch, daß es ein Wahn ist; daher die Krampfhaftigkeit namentlich des modernen Heidentums - Grenzenlosigkeit ..... besiegelt nur unsere wesenhafte Einsamkeit, das Losgelassensein, die Preisgegebenheit unseres Geistes.

5    Das erste und das letzte Wort der Schrift ist: Erwartung; schon die Schöpfungsgeschichte ist ja geordnet im Blick auf den Sabbat, und der Sabbat dient ..... dazu, zum Bewußtsein zu bringen und zu verkündigen, daß Gott, dieser Gott, den Weltfrieden will und wirkt.

    In der Erwartung dürfen wir ... nicht ... ein bloßes Anhängsel der Lehre, einen Beiwagen der Praxis sehen; sie ist vielmehr eine Qualifikation, die alle Schriftworte ohne Ausnahme stempelt.

    Die Zeichen kommen wieder als Zeichen der Zukunft, denn die Verheißungen sind erfüllt und - nein, es ist doch noch ein Teil zu erfüllen übrig! Der Friede nahm noch keinen Einzug, weder in die Welt noch in unser Herz. Versöhnung ist vollbracht, die Erlösung steht noch aus.

    Zu diesem Gott, zu diesem Namen, gehört die Erwartung. Nur wenn dieser Gott die Gottheit ist, wenn JHWH auch Elohim und El Schaddaj und El Zebaoth und unser vater ist, nur dann hat die Erwartung Sinn; und nur kraft dieser Offenbarung und durch das Heimischsein in der heiligen Lehre als in einer eigenen Welt wird es möglich sein, uns selbst zum Trotz in dieser Erwartung auszuharren.

6    Die Qualität “Heiligung” - “Geheiligtwerden” enthält eine Qualifizierung: zur Erwartung, d.h. dazu, fähig zu machen zu einem Leben der Hoffnung, das für unsere Natur sonst unmöglich wäre. Zu dem Menschen, der geheiligt wird, gehört untrennbar die Erwartung. Nur wenn es Gott ist, der uns abgesondert und beunruhigt hat, bekommt die Erwartung Grund. (...) Nur wenn der Geist über das Fleisch kommt, beginnen die Alten, Träume zu träumen, und die Jünglinge, Gesichte zu sehen (Joel 3, 1).

    Wenn Gott der Herr uns ... aufgesucht hat mit der letzten Offenbarung, die wir an seinem Tage erwarten, wird dann die besondere Erkenntnis nicht übergehen in ein Wissen, wie es bei Jeremia (Jer. 31, 34 - Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: “Erkenne den Herrn!”, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, groß und klein.) geschildert ist?

6a    [Biblische Belegstellen zu “warten” / “erwarten”]

7    Wenn wir nach dem Inhalt der Erwartung fragen, muß die Antwort lauten: Er kann nichts anderes sein als Gott der das Reich oder ein Zeichen des Reiches.

    Das gilt im Kleinen und im Großen, im Persönlichen und Überpersönlichen, es gilt vom Gottesvolk und von den Gojim, von der Kirche und vom Staat, von der Menschheit und von der Natur, daß dies nötig ist: das Kommen.

8    Auf die Frage, was erwartet wird, kann auch geantwortet werden: der Messias oder das messianische Reich.

    Es gibt kein biblischeres Wort für die Erfahrung der Negativität im Leben als den Ausdruck “beschämt werden”, “zuschanden werden”, kein anderes Flehen als “Laß mich nicht beschämt werden”, keine eindringlichere Verheißung als “Wer an ihn glaubt, soll nicht beschämt werden”.     Wer beschämt wird, hat offensichtlich etwas anderes erwartet, als uns zu erwarten gegeben worden ist, hat seine Erwartung auf andere Gründe gebaut als auf den Namen, seine Hoffnung auf an andere Mächte gehängt als die, die in den Tugenden Gottes offenbar sind, seine Arbeit an ein anderes Werk gewendet als an das, welches dem “Weg” entspricht und mit ihm zusammenstimmt.

8a    Der Durchbruch durch alte Bindungen und Ordnungen ist nicht nur durch die Schrecken der jüngsten Geschichte entfesselt, sondern viel mehr durch eine Aufstauung der lange niedergehaltenen Erwartung. Unter den Völkern hat sich ein neuer Messianismus zu rühren begonnen. Bestimmend dafür ist nicht irgendein “Anarchismus”, sondern eine Zuwendung zu den Möglichkeiten, die in Israels Erwartungen für die Erde beschlossen lagen und die von der Kirche als Institution nicht oder kaum ernstgenommen wurden. -

9    Die Erwartung, die Tätigkeit des Erwartens, darf sich stärken an den Zeichen, d.h. an jenen Wirklichkeiten, die auf die letzte Wirklichkeit hinweisen, an jenen Taten, die ein Unterpfand der göttlichen Königsherrschaft, des allerhöchsten Adels sind.

    Für die neutestamentliche Gemeinde ist die ganze alttestamentliche Geschichte ein Zeichen, weil die Menschen des Alten Testaments darin das Zeichen dessen gesehen haben, was für sie das Kommende war. Und so ist sie es schließlich und endlich auch für uns!

    [Gott] hat uns als Trauring das Zeichen gegeben in verschiedener Gestalt, je nachdem ob es um die Erde, die Menschheit, Israel, die Kirche, die einzelne Seele geht. Und wenngleich hier und da die Zeichen wechseln, so ist gleichwohl die Tatsache, daß z.B. die Beschneidung ein Zeichen des Bundes gewesen ist, für uns aufs neue ein Zeichen des Namens. Es ist ein Sakrament.

    Indem auch der neutestamentliche Mensch in der Erwartung lebt, muß in der Kirche notwendig nicht nur der Zusammenhang, sondern die Einheit der Testamente erlebt und bekannt werden. Es sind nicht nur die Urworte wie Schöpfung, Heiligung, Bund, Glaube, Verheißung, Gebot, die das Neue Testament zu einem israelitischen Buch und zum Zeugnis von dem einen Namen machen, es ist auch die Welt der Zeichen, der sakramentale Raum, in dem - für die Erinnerung wie für die Erwartung - Dinge und Personen, Namen und Symbole gesetzt sind, die gemeinschaftliches Gut Israels und der Kirche sind.

    So kehrt “Volk”, Gottesvolk wieder als Zeichen der Wiederkunft, gleichwie das erste Gottesvolk Israel das Zeichen des ersten Kommens gewesen ist. Die Kirche!  In ihrer Mitte sind die Zeichen der göttlichen Berufung und Erwählung aufgerichtet, und sie ist selbst zum Zeichen gesetzt; sie ist offenbar mit all ihren Mängeln (ganz wie Israel), sie ist verborgen in Gott, sie hat auf verborgene Weise Anteil an “all den Schätzen und Wohltaten Christi” und sie wird in Herrlichkeit offenbar werden in seiner Zukunft.

10    Das am höchsten gelegene, das am tiefsten geladene und das am nächsten vor der Tür stehende Heil wird für die Erwartung angezeigt mit dem Wort Herrlichkeit. .....die Zeichen sind Vorzeichen der Offenbarung der Herrlichkeit, der ewigen Herrlichkeit.

    Gott selbst ist die Ewigkeit, so wie er selbst die Liebe, das Recht, die Barmherzigkeit, die Geduld, das Wort, das Licht, die Kraft, die Allmacht heißen muß.

    Er gibt uns Zeit, und er hat Zeit für uns. Er tut seine Taten, die doch aus seiner Ewigkeit stammen in dem Raum unserer Zeit. Er existiert zusammen mit uns in einem und demselben Leben. Er geht einen Weg mit uns, auf dem er durch alle Zeiten hindurch keine Einbuße leidet, aber seinerseits die Zeit aufnimmt und annimmt zur Vereinigung mit ihm selbst.

    Wie eine nicht biblisch verstandene Unveränderlichkeit Gottes bedeutet: Gott ist der Tod; wie eine nicht biblisch verstandene Allmacht Gottes bedeutet: Gott ist ein Dämon, so bedeutet eine nicht biblisch verstandene Ewigkeit Gottes: Gott ist das Nichts, das Nirwana (das von uns Losgelöste), der Abgrund, die Leere.

    [Herrlichkeit Gottes meint], daß er, statt “zeitlos” zu sein, eine volle Gegenwart, eine echte Vergangenheit und eine wirkliche Zukunft haben will und hat mit seinen Kindern. (...) Die Herrlichkeit Gottes ist die Ehre seiner Selbständigkeit, die sich durchhält unter den Bedingungen der Zeit, welche er geschaffen und zur Vereinigung mit sich selbst angenommen hat. Er ist, in der Gegenwart, er war in der Vergangenheit, in seinen Taten, er kommt, um die Zeit zu vollenden.....

11    Die “Herrlichkeit” Gottes ist sein ewiges, sozusagen latentes Vermögen, sich als der, der er ist, zu offenbaren, entgegen und über der Herrschaft der Götter und Dämonen. (...) Die Herrlichkeit kommt; aber kommen kann sie nur, weil sie in Gott ist und lebt und wirkt - weil JHWH in der Herrlichkeit und von ihr aus lebt und denkt und handelt.

12    Was bleibt anderes übrig als - Singen, d.h. ein verherrlichtes Sprechen ....., in dem das Sprechen aufgehoben ist: aufgehoben und dergestalt gerechtfertigt und geheiligt! Darum ist die Bibel voller Gesang.

    Gäbe es einen Grund, die Sansara, den (buddhistischen) Kreislauf der Geburten, zu besingen? Was sollen wir im Nirwana zu singen haben - oder im Vorgefühl der Götterdämmerung - oder unter dem Druck des Schicksals? Oder wo bliebe unser Lied vor dem Angesicht der “Götter dieser Zeit”?

12a    Merkwürdig strahlt in der Reihe der biblischen Urworte das Verbum jauchzen, nämlich jetzt, mitten im Jammer und Elend, insofern man da den Zeichen begegnet, vor allem insofern das “Angesicht”, die besondere Gegenwart, uns besucht. Da ist Ehrfurcht (“Furcht des Herrn”) nicht genug, auch Bewunderung, auch Dankbarkeit nicht, geschweige denn Ergebung, Unterwerfung, Pflichterfüllung, Gehorsam - da bricht Lust aus, Freude, Wohlgefallen, Genießen, Loben, Preisen, Jauchzen.

13    Viele stehen diesem “Jauchzen” vielleicht skeptisch gegenüber, weil es ihnen scheint, daß darin die Macht des Bösen unterschätzt werde, und auch, daß der Mensch dabei sein eigenes Leid und seine Verzweiflung überschreien möchte. (...) Doch wäre es heute ebenfalls fatal, wenn wir das, was in den Psalmen laut wird und ausbricht in einer Volksekstase, selber gar nicht kennen würden.

    Statt von der “Herrlichkeit” hätten wir auch von dem “Reich” als dem Endziel von Gottes Weg und dem Gegenstand der Erwartung der Geheiligten sprechen können. Das Reich bedeutet die “Herrlichkeit” unter dem Gesichtspunkt der Herrschaft, der Regierung, der Ordnung, des Zusammenlebens von Gott und Mensch, Engeln und Menschen, Menschen und Menschen. Es geht dabei um die Gerechtigkeit, um den Frieden, um die Bruderschaft; wir können auch sagen: es geht um die Erfüllung der Gebote, die Aufrichtung von Gottes Gesetz, die Offenbarung seiner Ehre, den abglanz seiner Tugenden in dem wechselseitigen Verhältnis seiner Geschöpfe; oder: es geht um die Kindschaft, die Zusammengehörigkeit, den Dienst, das Verständnis und die Ehrerbietung der Geschöpfe voreinander.

    Was erwarten wir, wenn wir die Auferstehung, die neue Erde, das Reich, die Herrlichkeit erwarten? (...) .....haben und brauchen wir ein Negativum, das ..... höchst positiv ist - ich meine unser Vertrauen und unsere Erwartung, daß wir jedenfalls in unserem Unglauben (den Gott uns gelehrt hat) bestätigt werden, daß wir die Unwahrheit, die Ungültigkeit, den Unbestand der Götter sehen werden.

    Heute ist die “Wahrheit” die wirkliche Wirklichkeit des Befreiers, die wir am eigenen Leibe erfahren. Die Wahrheit thront auch jetzt über der Wirklichkeit; das ist schon implizit gesagt durch den “Namen”. Also ist die Wahrheit - Gott? Nein, Gott ist die Wahrheit! Seine Liebe, die Einheit seiner Tugenden ist die Wahrheit, die bleibt und die an den Tag kommt in dem Tag der Tage.

14    Der Name, dieser, die Tugenden, die Taten Gottes, die Wahrheit schließen das Isoliert-Spirituelle, die hochgezüchtete Frömmigkeit unerbittlich aus. Die Offenbarung Gottes erwarten wir nirgends anders als im Leben, auf dieser Erde, jetzt und immer - und einst in voller Pracht.

    Wir werden das Schicksal der Erde erleiden und uns anstrengen, das Unrecht ..... zurückzudrängen; wir werden vielleicht untergehen, ohne neue Zeichen gesehen zu haben zum Trost in der Verwirrung durch das, was geschieht, und in der angst unseres Herzens. Die Erwartung aber wird lebendig bleiben; sie entspricht objektiv der göttlichen Absicht; sie wird weiträumig und stattlich bleiben, denn so gewiß wir unser Vertrauen nicht auf die Götter des Tages setzen können, weil sie zu klein und zu veraltet sind, so gewiß ist die Richtung, die angezeigt ist mit der Wendung “die ganze Erde”, in uns eingepflanzt durch jenen Gott, der sich ganz klein gemacht hat, um uns zu erreichen, und der das ganze Gewicht seiner Gottheit in die Waagschale der Mächte wirft, um sich in dieser unserer Welt als der ewige Beweger zu offenbaren.

    So beginnen wir unseren Exodus, unseres Auszug aus den lebenshemmenden Zusammenhängen des Heidentums, unseren Durchbruch durch die fremdwüchsigen Hecken des gängigen Christentums, unsere tätige Reserve gegen “the way of life”.....

Stichworte zum 12. Kapitel: “Das Leben der Gemeinde”

1    Es ist ... möglich, an die Schrift heranzutreten, indem man sie als Ganzes betrachtet unter verschiedenen Gesichtspunkten, die alle wahr und sachgemäß sind: als Geschichtsdarstellung, als Prophetie, als Liturgie, als gebot, als Vision und als Schau der Welt; es gibt keine Geschichtsdarstellung, die nicht auch Prophetie umfaßt, es gibt keine Prophetie, aus der sich kein Gebot erhebt, es gibt keine Prophetie, die keine Konsequenzen für die Liturgie und den Dienst der Gebete hätte.

    Es gibt schließlich ..... die Möglichkeit, die Schrift nach der “analogia fidei” zu lesen: anhand des Dogmas, geleitet von den Grundgedanken des Bekenntnisses der Kirche - so etwa die Evangelien nach dem Aufriß der Lehre vom dreifachen Amt Christi: Prophet, Priester, König, die apostolischen Briefe nach den Linien der Heilsordnung: Rechtfertigung, Heiligung, Verherrlichung, und die ganze Schrift nach Anleitung durch die Lehre von der heiligen Dreieinigkeit.

2    [Es mag so] erscheinen, als habe eine besondere Eigenwilligkeit uns dazu gebracht, die Frage nach dem ABC anzuschneiden und dabei die tatsächlich oder scheinbar viel weiter fortgeschrittenen Formen der Bibelauslegung und des Umgangs mit der Bibel in den Gemeinden vorläufig auf der Seite zu lassen. Aber wir konnten nicht anders.....; denn wir haben entdecken müssen, daß es wie eine unkirchliche Kirche (eine unaussprechliche Plage!), so auch ein unbiblisches Bibellesen gibt, so hartnäckig und selbstsicher, daß man sich an den Kopf greift und sich fragt, wie es soweit kommen konnte.

    Im allgemeinen haben wir Holländer viel zu viele Meinungen, wir “finden” dies und das; aber gerade was wir “finden”, haben wir nicht selbst gefunden; wir haben es meist auch nicht in der Schrift gefunden.

    [Die - für typisch englische gehaltene - Unwilligkeit, sich zurechtweisen zu lassen:] Solche Einstellung ist eine fatale Sache, namentlich in einer Zeitenwende wie der unseren; sie rächt sich im persönlichen Leben, sich rächt sich vor allem in der Arbeit des Gemeindeaufbaus und in der Gemeindeleitung. Denn nicht nur Personen,, sondern gerade auch Gemeinden müssen willig sein, “Weisung” zu empfangen.

3    Wir haben eine Kirche, und wir haben gläubige Personen, aber wir haben keine Gemeinden, Das ist wahrlich ein tragisches und radikales Unglück!

    [Es werden verschiedene Mangelanalysen und Verbesserungsvorschläge genannt und andiskutiert.]

    Und schließlich gibt es viele, die die Unmündigkeit und Untätigkeit der Gemeinden ..... einem eingeschrumpften Gesichtsfeld, einer Blindheit für die Not der Welt, einer Trägheit, zu Taten zu kommen, welche etwas von Ähnlichkeit mit den Acta Apostolorum an sich hätten, zuschreiben; und diese Diagnose ist dann oft auch mit einem verbissenen Willen verbunden, mit den Problemen allzu persönlicher Art aufzuräumen, ebenso auch dogmatische Fragen als für das Leben der Gemeinde hinderlich in den Hintergrund zu drängen, ja sogar den ihnen zugewandten Ernst als “Abgötterei” zu brandmarken.

4    Ist vielleicht darum, weil wir ..... das neue Heidentum als so stark menschlich verwandt und als furios gottfeindlich erfahren haben, uns der Schrecken beim anblick des Zustandes der Gemeinden ..... in die Glieder gefahren? Hier ist die Front, und hier läuft sie, unbemerkt, unerkannt, durch unsere eigenen Reihen; der Feind verbirgt und verschanzt sich auf wechselnde Weise und mit wechselndem Glück, zieht sich zurück und setzt unerwartet zu einem neuen Ausfall an, manchmal in einer neuen frommen Waffenrüstung, so daß “auch die Auserwählten verführt würden” (Mat. 24, 24) - um wieviel mehr die Menge, die die Lehre nicht kennt! Sie ist nicht “verflucht”, wie die Pharisäer sagten, sie erregt im Gegenteil Gottes Erbarmen; aber gewiß ist sie ..... auch nicht gerüstet zum rechten Bekennen und wehrhaft in den guten Werken, die dazu gehören.

    Wissen sie, was sie bekennen, wissen sie, für welche Wahrheit und welchen Wert die Kirche (und sie selbst?) Vielleicht bald wird leiden müssen? Verstehen die treuen Kirchgänger, die Anteilnehmenden, die “Nahestehenden”, die “Interessierten”, was sie von der Kanzel hören und was sie in ihrer Bibel lesen (wenn sie die noch lesen!, denn wenn darüber die Geheimnisse von tausend Wohnungen und Kämmerlein einmal enthüllt werden sollten - es würde erschütternd sein)? Sind sie - jetzt, heute! - imstande, Rechenschaft zu geben?

    Was wir hier dargelegt haben, bedeutet nicht, daß wir von der Lehre weg, sondern vielmehr gerade, daß wir zu ihr hin müssen. Greift die Welt etwa unsere Wohltätigkeit an oder unsere Arbeit in der christlichen Praxis? Nein, der Feind proklamiert eine Lehre, mit ..... totalitärer Autorität. Und wir, wir stecken im Relativismus.....

4a    Die Kirche, sofern sie sichtbar ist und verantwortlich für das Evangelium eintritt, besteht heute fast ausschließlich aus der “Geistlichtkeit”; sie ist im allgemeinen Pastorenkirche oder eine Vereinigung von Leuten mit christlichen Glaubenssätzen und Gewohnheiten.

    In allen Ländern gibt es Reste christlicher Kultur, die wohl mit dem Glauben zusammenhängen, die aber, wie es bei aus einer inneren Katastrophe geretteten Rudimenten nicht anders zu erwarten ist, keine Kraft ausstrahlen und schnell zerstört sind, wenn eine echte fanatische heidnische Religion oder der aus ihr hervorgegangene Nihilismus sich auf sie wirft.

    Zweierlei ist also ..... zu tun: 1. Die Predigt des Evangeliums an die abgefallenen und verwilderten Völker, breit und kräftig ausholend, und eine Mission in vielen Vorstößen, wobei auch die Realität des “Zornes Gottes” nicht zu verschweigen ist; 2. Die Bildung, der Schutz und die Stärkung von Kernen in den Gemeinden, die zu einem Laienapostolat berufen sein werden.

5    Die Aufrichtigen nah und fern sehen die Verlegenheit der Kirche [tröpfchenweise Rückkehr der Intellektuellen, Reglosigkeit der Massen an Arbeitern, Rücksinken der Bauernschaft zu ihrer “angeborenen” Naturreligion]. Das alles ist schlimm, vor allem auch darum, weil es einen Grund hat und begreiflich ist in einer entgöttlichten Welt. Doch wir halten es nicht für das Schlimmste: dann nicht, wenn die bekennende Kirche selber weiß, was sie ist, was sie hat, was ihr obliegt, und vor allem auch weiß, was sie will - unter der Bedingung also, daß ein Kern wächst, der seine Stelle einnimmt an der Stätte, wo die schreckliche Auseinandersetzung stattfindet und dort ..... feststeht.

    Aus der Schrift muß die Erneuerung kommen: nicht durch Wiederentdeckung dieses oder jenes vernachlässigten Aspektes, nicht durch verfeinerte Exegese und gesistliche Übungen, sondern durch die Entdeckung ihrer Unizität als Gesamtzeugnis. Die Kerne müssen erwachen, sich die Augen reiben und sich losreißen aus der Suggestion des Heidentums, der natürliche Religion, die in der Tat noch allzu sehr in unserem Blut nachrauscht.

    [Psalm 78 wird in voller Länge zitiert.]

    .....daß jetzt bei uns wie bei Israel in der Zerstreuung der “beth-hamidrasch”, das Lehrhaus nötig ist. In diesem Lehrhaus wird erworben und bewahrt, durchleuchtet und angeeignet, was in den heiligen Schriften erzählt (nicht erörtert), geschildert (nicht bewiesen) wird von dem einem oder einzigen, dem lebendigen Gott, von seinem Namen, von seinen Tugenden, von seinen Taten und von der Präsenz seiner Wirklichkeit in unserer Welt.

6    [Unter Bezugnahme auf zwei Enzykliken und zahlreiche Bibelstellen plädiert Miskotte nachdrücklich für die fundierte christliche Unterweisung durch dazu geeignete Personen.]

7    Ein auffallender Unterschied zu unserem gegenwärtigen Zustand ..... ergibt sich, wenn wir einerseits bedenken, daß in dem zitierten Hirtenschreiben mit der “Wissenschaft” der neuen heidnischen Religion nicht gerechnet wird, und andererseits, daß dort als Unterricht lediglich die Lehre der Kirche gilt und nicht die Schrift in ihrem selbständigen Eigenzeugnis, geschweige denn die Schrift nach ihrer elementaren Kraft und in ihren Grundformen. .....in den Lehrdokumenten unserer <der Reformierten> Kirche und in den bei uns gebräuchlichen katechetischen Lehrmitteln wird mann ..... kaum eine Spur von dem Bewußtsein antreffen, daß die Schrift ein einziges antiheidnisches Zeugnis ist und die natürliche Religion des menschlichen Herzens verwirft.

    Wir werden die Hoffnung auf ein Wiederaufleben des “Lehrhauses” aufrecht erhalten dürfen: nicht für Kinder, sondern für Erwachsene, die so gern festen Stand fassen würden inmitten des polyvalenten Geschiebes der Geister; nicht um Propagandisten einer kirchlichen Richtung heranzuziehen, sondern ..... Denker des biblischen ABC und Arbeiter der letzten Stunde.

    “Böse” ist Geistesverwirrung, mehr noch als kalte Konsequenz, vor allem von einer Art gemütlichem, warmem Wahnsinn. Vielleicht kann man eine Zeitlang darin leben. Was man dort niemals findet, ist die Einfalt, die Einheit, die Eintracht von Glaube, Hoffnung und Liebe zu dem Namen.

8    Der Bruch mit der natürlichen Religion ist uns vorgelebt worden von der “Bekennenden Kirche” in ihrem Kampf gegen die “SS-Ideologie” des “Reiches”. Diese Dinge nun hängen auf engste Zusammen: das Aufwecken der instinktiven Macht des Heidentums in den Herzen - und das Zurückgetriebenwerden der Kirche auf das elementare der Urworte.     So ist auch die Erfahrung der “Bekennenden Kirche” in Deutschland: es geht um nichts Geringeres als das Leben der Gemeinde .....: zu lernen vielleicht ganz neu von Grund auf, so wie Israel es einmal hat tun müssen, wo der Name eingreift, wo genau der Bruch mit der natürlichen Religion des heidnischen, des fleischlichen, des menschlichen Herzens liegt - und in dem Bruch der Durchbruch der Befreiung.

        Die Thora, die Lehre dient der Nüchternheit, der Sachlichkeit. Die Lehre lehrt die Gemeinde ein “weltliches” Leben, d.i. ein Leben in der Welt, welches diese nicht zu einer dämonischen Gottesmacht aufbauscht, in dem aber andererseits auch nichts verwerflich ist, wenn es mit Danksagung an Gott, diesen Gott, empfangen und angenommen werden kann (vgl. 1. Tim. 4, 4) - das geheiligte Leben.

    Das, worum es geht, ist also einfach das Leben der Gemeinde; nicht die Existenz der Kirche, sondern das Leben der Gemeinde; weder das mystische Leben an sich noch die Praxis, sondern die Einheit beider in dem Leben, das eben der Gemeinde Christi eigen ist durch das Wirken und das geleit von wort und Geist. “Leben unter dem Wort” ist etwas anderes als Sprechen über das Wort, es ist leben auf eine bestimmte Weise, als Gemeinde leben in der Befreiung und der Bindung, die von ..... dem rufenden, richtenden, heilenden, schöpferischen Wort ausgeht.

9    Wir scheinen gebannt zu sein in den circulus vitiosus von Nachfrage und Angebot. Wir wissen nicht, was, biblisch gesprochen, Lehre ist, daher verlangen wir nach keiner Lehre, und daher kommen wir niemals dahinter. Wir haben unseren Geschmack, und der ist banal genug, daher müssen unsere Pfarrer sich anpassen, und daher “macht er es wunderbar” - und so ist die Predigt selbst banal. Oder: Bei dem “modernen” Menschen ist ein verwildertes Urteil über den ganzen Gehalt der Schrift verbreitet, und die Leute hören nicht mehr zu, und also paßt ein moderner Prediger sich an und wird immer geistreicher und kommt immer mehr vom Kurs ab.

    Wir haben keine Gemeinden, keine Zusammengehörigkeit im Geist, kein gemeinsames Leben “unter dem Wort”.

10    [Über die Skepsis, den Wert des Fragens und die wichtige Funktion des biblischen Buches “Prediger” in diesem Zusammenhang.]

10a    Rechneten wir einzig mit dem, was vor Augen ist, so könnte uns die empirische Kirche wohl zur Verzweiflung treiben, nicht zuletzt durch das Gesetz der Trägheit, nach welchem das unbiblische Bibellesen weitergeht.

    Nirgends anders als im “Sichtbaren” können wir erwarten, dem “Unsichtbaren” zu begegnen. Darum denkt kein Verständiger daran, neue Gemeinden zu gründen; nein, er betet, im Glauben, daß in den alten Gemeinden das Leben wiederkehre oder sich offenbare.

    Gehen wir nicht den Weg [des Glaubens], dann sind wir hier wie überall in der Welt der Erfahrung dem ständigen Wechsel von Optimismus und Pessimismus ausgeliefert. Dann sind wir heute eifrige und enthusiastische, morgen müde und skeptische Glieder der Kirche. <Zitat eines nicht benannten Kirchenvaters>     Glieder? Nein, nicht Glieder, sondern eifrige oder müde Zuschauer, vergleichbar den Zuschauern eines Sportwettkampfes, die bald klatschen, bald pfeifen, die vielleicht durch eine Wette an dem Ausgang interessiert sind, die aber mit alledem nur verraten, daß sie an dem Wettkampf selbst nicht teilnehmen.

    Im Suchen und Finden ihres eigenen Geheimnisses lebt die Kirche ihr eigenes Leben - ganz unabhängig davon, ob sie das eine Mal mehr von Herrlichkeit umstrahlt ist und das andere Mal wieder mehr von Jämmerlichkeit umgeben ist.

    Die Kirche ist durch den Glauben darin Kirche, daß sie immer wieder von neuem Kirche wird. Wir wollen keine Zuschauer sein, wir verlangen danach, daß die Zuschauergemeinden Mitspieler werden. Im Leben! Durch das Wort!

    Praktisch geht der Angriff des Feindes, der uns jetzt bedroht, am Dogma vorbei; er richtet sein Geschütz auf viel einfachere Stellungen: auf den israelitischen Charakter der Schrift, auf die Einheit der Testamente. Ihn ärgert dieser Gott, der nicht das All ist (oder das schwebende Nichts, in welchem der Mensch alles ist), ihn ärgern diese Tugenden, ihm geht dies alles “auf die Nerven”. Darum muß auch unser geistlicher Widerstand viel elementarer sein, wir müssen endlich sehen lernen, wie und warum mit dem anti-heidnischen Grundcharakter der Schrift, mit der Unmöglichkeit der natürlichen Theologie, faktisch alles entschieden ist.

    Bei den neutralen Menschenkindern sind Christen um ihrer Humanität willen sehr geschätzt, aber diese ist an sich noch kein Hinweis auf den Namen Gottes. (...) Aber das ist sicher: anstößig sind die Christen nicht durch ihre guten Werke, sondern dadurch, daß sie glauben, d.h. mit ihrem Herzen von dem leben, was die anderen für eine kolossale Überflüssigkeit halten. Aufreizend wirkt nicht die Tat (sagen wir: die gute Tat), sondern das Leben unter der Autorität von Worten!

11    Es gibt nicht viele Religionen und auch noch das sogenannte Christentum. Es besteht vielmehr, und das müssen wir auswendig und inwendig wissen: eine natürliche Religion in vielen Gestalten - und, aus Gnade, der Glaube an den Namen.

    Je fester wir an den Namen glauben, desto ungläubiger werden wir gegen die Urmächte des Lebens. Darum wollen wir “lernen”. Je stiller wir werden vor Gottes Taten, desto mehr wird von uns ausgehen. Darum suchen wir die Gesellschaft und das Geleit der Lehre.

    Wer treu im Lehrhaus gesessen hat, wird ein großer Streiter und wird große Taten tun. Und wer den Gesang des Hohenliedes in sich trägt, wird ausgehen und überall das geschundene Menschenantlitz zu verbinden finden.

    “Vollkommen” bedeutet in biblischer Sprache: was mit seinem Kern an alles rührt: “ganzheitlich”. (.....) Die Bibel ist Literatur, ja, aber sie fungiert nicht als solche: sie ist zu einfach, sie ist universal-einfach. Daß sie den Gedanken “Menschheit” in die Welt gebracht hat, das ist ..... ein Wunder.

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Schlußbemerkung: Die zahlreichen Hervorhebungen (Kursivschrift) sind leider beim Übertragen des Textes auf die Website nicht übernommen worden. Dies wirkt sich m.A.n. negativ auf die Verständlichkeit des Textes aus. Ich stelle auf Wunsch gern ein pdf-Dokument zur Verfügung, bei dem keine Formatierungsverluste auftreten. Bitte wenden Sie sich an pfarrer.schaar@rundkirche.de!

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