Gottes Dienst feiern: Was ist das, warum und wozu tun wir das - und: wie? Über Okko Herlyns Buch: "Theologie der Gottesdienstgestaltung"

Gottes Dienst feiern: Was ist das, warum und wozu tun wir das - und: wie? Über Okko Herlyns Buch: "Theologie der Gottesdienstgestaltung"


# Theologie
Publish date Veröffentlicht von Stephan Schaar am Montag, 8. Juni 2020, 13:42 Uhr
Gottes Dienst feiern: Was ist das, warum und wozu tun wir das - und: wie? Über Okko Herlyns Buch: "Theologie der Gottesdienstgestaltung"

Im VORWORT rechtfertigt Herlyn, damals Pfarrer in Duisburg, den hochtrabenden Titel “Theologie...” damit, zumindest daran erinnern zu wollen, daß “auch das gottesdienstliche Handeln, bis hinein in kleine und kleinste Schritte, der Autorität des Evangeliums grundsätzlich nicht entzogen [ist] und verantwortlich nur von der Botschaft der Bibel bedacht und vollzogen werden kann.” Wer wollte dem widersprechen?!

Jene womöglich, die, nach “Erfolgsrezepten” zur Erreichung größerer Zahlen schielend, sich damit begnügen, der jeweiligen Mode folgend neue Modelle ausprobieren zu wollen, nach innovativen Materialien verlangen und doch letztlich dem Relevanzverlust nichts entgegenzusetzen haben, der für die Langeweile und - daraus resultierend - Gottesdienstabstinenz allzu vieler verantwortlich sein dürfte.

Herlyn, der später lange Jahre als Professor für Praktische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum tätig war und noch immer als Kabarettist tätig ist, wurde 1946 in Göttingen geboren und ist evangelisch-reformiert.
Zur Entstehung des vorliegenden Werkes trug nach eigener Aussage entscheidend die Arbeit mit einer gemeindlichen Arbeitsgruppe in Duisburg-Wanheim und der Mut der örtlichen Gemeindeleitung bei, die Anregungen dieser engagierten Christenmenschen in die Praxis ihres Gemeindelebens einfließen zu lassen, so daß es sich bei den im Folgenden dargestellten Gottesdiensterfahrungen um das Ergebnis eines Prozesses handelt, bei dem - ich zitiere auf eigene Faust - alles geprüft, aber nur das Gute behalten (1 Thess 521) wurde.

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Ein nötiger Einblick, eine Einführung ins Thema

nimmt die Lesenden mit zu einem Gottesdienst”besuch”. Herlyn stört sich schon an der Vokabel, noch mehr aber daran, daß er zwar mit einer gewissen Aufmerksamkeit in Empfang genommen wird, dann aber weitgehend sich selbst überlassen bleibt.

Mehr noch: In Zeiten, da von Corona wahrlich nicht einmal von ferne die Rede sein konnte, hielt man auf Distanz: Selten sitzen mehr als zwei Personen beieinander, und obwohl die Kirche nicht etwa ungeheizt ist, behält man vorzugsweise den Mantel an - man kommt also irgendwie gar nicht erst irgendwo an, wo man sich, wenn schon nicht wie zuhause, so doch wenigstens wohl und willkommen fühlen würde.

Dann spricht er von “Theaterflair” und meint nicht nur die aus dem Off erklingende, mächtig brausende Orgel, sondern auch und besonders den wie ein Conferencier durch das Programm führenden Pfarrer (wahlweise auch weiblich). Er gibt den Eindruck wieder, daß die Veranstaltung darin besteht, “daß jetzt etwas dargeboten wird.”

Er spricht die Elemente des Gottesdienstes, beginnend mit der “Eingangsliturgie” nacheinander an. Ja, seit seiner Kindheit und insbesondere Jugend sind ihm die wiederkehrenden Gesänge und Melodien bekannt - oder genauer: er hat sich an sie gewöhnt. Doch von Vertrautheit mag er nicht sprechen: “Vertrautes kommt mir von selber in den Sinn oder geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf - ob beim Stadtbummel oder in der Badewanne, ob gesungen, gesummt oder gepfiffen. Aber diese Töne hier sind mir nie von selber in den Sinn gekommen oder gar aus dem Kopf gegangen. Ich habe sie noch nie woanders gesungen, gesummt oder gepfiffen. Nein, nicht eigentlich vertraut sind sie mir, sondern allenfalls gewohnt. (...) Vertraut ist mir auch der Ablauf des Ganzen immer noch nicht. Gewohnt sicher auch das; in vielen Jahren irgendwie eingeschliffen...”

Er fragt nach dem Sinn der festgelegten Abfolge - und antwortet nicht, wie das leider diverse Einführungen in den Evangelischen Gottesdienst tun mit dem Hinweis auf die Liturgiegeschichte, sondern merkt an: “Da muß offenbar nicht alles verständlich und mitvollziehbar sein, man hat es ja irgendwann einmal gelernt, vielleicht sogar erklärt bekommen.”

Er verkneift sich nicht einen Seitenhieb auf die “Taufgesellschaft” - “ein nochmals in sich abgeschlossener Fremdkörper innerhalb der übrigen Gottesdienstbesucher”, sich noch unsicherer und distanzierter verhaltend als die restliche Gemeinde. Lediglich der Täufling nehme ungerührt die Aufmerksamkeit einiger Gottesdienstbesucher in Anspruch, und Herlyn spekuliert, ob dieser womöglich ahne, was er dereinst zu lernen bekomme, wenn über Frage 74 des Heidelberger Katechismus gesprochen und dabei davon die Rede sein werde, daß er mit der Taufe “der christlichen Kirche eingeleibt” werde. “Oder sollte sein alsbald anhebendes Gebrüll ein kindlicher, ernst zu nehmender Protest gegen die erwachsene Verlogenheit einer tief unordentlichen Taufpraxis (Karl Barth) sein?”

Auch die Predigt kommt schlecht weg, obwohl er den Text interessant nennt. Doch zu schnell eilt der Pfarrer, seinem eigenen Verständnis gemäß, durch die verschiedenen Motive, die im Text anklingen; leider lassen sie sich weder nachlesen, denn eine Bibel steht nicht zur Verfügung, noch ist es vorgesehen, daß die Zuhörenden Fragen stellen oder ihre eigene Sicht einbringen. Das empfindet der Autor als eine verpaßte Chance, die biblische Botschaft ins Gespräch zu bringen. Mögen die hoch korrekten theologischen Erwägungen auch um Aktualität bemüht sein und auf der Kanzel in noch so makellosem Deutsch dargeboten werden - es entbehrt eines Bezuges zu den Predigthörenden, so daß nicht der Eindruck entsteht, hier handle es sich um etwas Wichtiges, gar Lebensnotwendiges.

Danach läßt sich Herlyn darüber aus, daß zur “Feier des Abendmahls” eingeladen wird, ohne daß im mindesten von Festatmosphäre die Rede sein könnte. Assoziationen an  geläufige gesellige Zusammenkünfte - er nennt Gartenfeste und Geburtstagsfeiern als Beispiele - stellen sich nicht ein, und auch die ausgelassene Freude in mancher biblischen Geschichte wie etwa jener von der Hochzeit zu Kana oder dem Gleichnis vom verlorenen Sohn sowie dem großen Gastmahl strahlt auf die “Feier” des Abendmahls im Rahmen eines solchen Gottesdienstes nicht aus. Als wäre das noch nicht genug, “hat die Orgel längst ein paar unendlich traurige, fast trostlose Melodien intoniert.”

Die “Schlußliturgie” mit Gemeindenachrichten und Kollektenempfehlung sowie dem Fürbittengebet enthält zwar etliche geradezu aufregend interessante Informationen - allein: Deren Fülle und die Teilnahmslosigkeit beim Verlesen signalisieren, daß tiefer gehende Durchdringung an dieser Stelle nicht vorgesehen und erwünscht ist.

So bleibt das Schicksal derer, denen die Kollekte zugute kommt, ebenso im Dunkeln wie  das der Angehörigen von Verstorbenen; und was es sonst noch an Lebenswirklichkeit im Kiez gibt, hat ohnehin keinen Raum in dieser Veranstaltung.

Dem Orgelnachspiel folgt ein hastiger Aufbruch. “Man strebt ins Freie. (...) Kopf und Herz sind vollgestopft mit einem Knäuel an Fragen, Einwänden, Unklarheiten, Zweifeln  und Frust. Ich möchte mit jemandem darüber reden.” Doch das ist im Konzept dieses Gottesdienstes nicht vorgesehen.

“Ach, ich vergaß: Die anderen sind hier auch nur Gäste gewesen, Gottesdienstbesucher wie ich. Für etwa eine Stunde waren wir auf Distanz eine lose Ansammlung von Teilnehmern an einer - verglichen mit, sagen wir einmal: Mieterversammlung - im großen und ganzen doch ziemlich belanglosen Veranstaltung. Wessen wir hier Zeuge geworden sind, wird nach menschlichem Ermessen keinen der Besucher über diese Stunde hinaus beschäftigen oder gar umtreiben.”

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Wozu eine Theologie der Gottesdienstgestaltung?

    Unterwegs zu einem erneuerten Verständnis

Ein reformatorisches Versäumnis

Kein gewissenhafter Christenmensch kann, so Herlyn, ernsthaft bestreiten, daß wir es in unseren Gottesdiensten - dem vorgeblichen Mittelpunkt gemeindlichen Lebens - mit “Teilnahmslosigkeit und Sterilität, Langeweile und Leblosigkeit” zu tun haben. “Selbst wer mit Recht für sich persönlich Ausnahmen reklamiert - eine eindrucksvolle Predigt, ein bewegendes Gebet, einen vertrauten Liedvers, liebgewordene Liturgie und recht verstandenes Sakrament -, selbst wer mit Recht auf Ausnahmen verweist - Gottesdienst in anderer Gestalt, Liturgische Nacht, Feierabendmahl, Gesprächsgottesdienst und Meditation, um nur einige zu nennen -, wird sich jener notvollen Normalität nicht einfach entziehen können.”

Er argwöhnt, Karl Barths Bezeichnung der Trägheit als einer Form der Sünde, deren Wurzel der blanke Unglaube sei, der spricht: Es ist kein Gott!, müsse zur Erklärung der Lethargie in unseren Gottesdiensten herangezogen werden, die “hier ihren Grund hat, hier in unserem ‘normalen’ Unglauben, der offenbar gar nicht mehr damit rechnet, daß uns im Gottesdienst der lebendige Gott selbst begegnen will; hier in unserem Kleinglauben, der da sonntags morgens allenfalls noch ein erbauliches Stündchen erwartet, aber nicht mehr jenes Wort, das da ist wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert (Jer 23, 29).”

Da mangelt es ganz offenbar an jeglichem Zutrauen in den Heiligen Geist, “der nun einmal allein es ist, der lebendig macht" (Joh 6, 63). Wo wir das außer acht lassen, also womöglich der Meinung sind, jener Not mit ein paar methodischen Kunstgriffen beikommen zu können, haben wir uns als Kirche bereits aufgegeben, weil wir dann alles von uns und nichts von Gottes Geist erwarten.” Herlyn gedenkt, kein Jota abzustreichen von der reformatorischen Erkenntnis, daß es nicht von unseren Werken, sondern allein Gottes Wort abhängt, ob recht Gottesdienst gefeiert - und das heißt zuvorderst: das Evangelium verkündet - wird.

Dennoch plädiert er dafür, sich wenigstens Rechenschaft über das eigene Tun zu geben, um nicht mit menschlicher Aktivität - womöglich in bester Absicht - dem Wirken des Gottesgeistes faktisch im Wege zu stehen.

Er kritisiert das mangelnde Interesse der Reformatoren für die Fragen gottesdienstlicher Gestaltung als weniger wichtig und erinnert an die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, der zufolge die falsche Lehre verworfen wird, als dürfe die Kirche die Gestalt (!) ihrer Botschaft ... ihrem Belieben ... überlassen.

Von daher zieht er den Schluß: “Gerade wer sich einer Theologie des Wortes Gottes verpflichtet weiß, wird sich einer Theologie der Gottesdienstgestaltung nicht grundsätzlich verschließen können.”

Und er führt dazu aus: “Eine Theologie der Gottesdienstgestaltung” (ein Terminus, den er dem gebräuchlichen Fachbegriff “Liturgik” entschieden vorzieht, weil dieser sich allzu oft damit begnüge, das im Laufe der Kirchengeschichte Gewachsene nachzuzeichnen) “reflektiert ihren Gegenstand ..... primär und permanent an nichts anderem als an der biblischen Botschaft. Ob das, was es gottesdienstlich zu gestalten gibt, ‘alt’ oder ‘neu’, eher ‘herkömmlich’ oder ‘gegenwartsbezogen’, eher ‘konservativ’ oder ‘modern’ ist, ist nicht ihre entscheidende Frage, sondern allein, ob und inwieweit das gottesdienstliche Geschehen in einer Beziehung zum Wort Gottes steht.”

Gottesdienstreform?

Polemisch greift Herlyn die Formel von der “ecclesia semper reformanda” auf, um entschieden zurückzuweisen, daß damit ein stetiges Bemühen um ein zeitgemäßes Auftreten der Kirche gemeint sei: “Wollen wir reformatorischer Theologie treu bleiben, so kann es also auch bei der Gottesdienstgestaltung keine prinzipielle Option für das ‘Neue’, sondern nur für das Wort Gottes geben.”

In der Bibel geht es nicht um Neuerungen, sondern um die neue Schöpfung: “Solche Neuschöpfung ist der Kirche nun in der Tat ‘stets’ notwendig, weil sie stets peccator und so auch ihr Gottesdienst stets peccatum bleibt.”

Den Christenmenschen und der Kirche Jesu Christi ist tägliche Erneuerung geboten, wie Luther in seiner ersten Ablaßthese (das ganze Leben eine Buße) herausgestellt hat. “Nach reformatorischem Verständnis meint das gerade kein der Kirche verordnetes Programm permanenter Reformen, sondern die ihr allerdings gebotene ständige Hinwendung zu dem, der allein sie neu machen kann; meint ein sich Tag für Tag erneuern lassen - durch sein Wort. (...) Aber auch dieses Lassen ist ja nicht blasse Passivität, sowenig Buße Lethargie ist. Das Neue Testament jedenfalls beschriebt gerade den Vorgang der Umkehr mit ausgesprochen farbigen, aktiven Vokabeln, die ihre Spitze ..... in der des ‘Kampfes’ haben: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens! (1 Tim 6, 12).”

Von daher fragt Herlyn, ob es nicht sein könne, “daß manches oder gar fast alles, was uns am gegenwärtigen Gottesdienst Not macht, zu jenem alten Adam gehört, den es doch, gerade weil er längst bezwungen ist, Tag für Tag .... abzulegen (Eph 4, 22) bzw. auszuziehen (Kol 3, 9) gilt?”

Auch wenn es richtig sei, daß der Heilige Geist selbst aus den “toten Steinen eines von uns verantworteten Gottesdienstes Lebensbrot zu erwecken vermag”, so sei es doch deshalb noch lange nicht erlaubt, “weiterhin Steine zu produzieren oder auch nur gedankenlos liegenzulassen, statt sie tatkräftig wenigstens aus dem Weg zu räumen.”

Auch wenn der Herr kommt, wann und wo es ihm gefällt, gilt es doch, ihm den Weg zu bereiten (Luk 3,4). “Wohl kann sich eine Gemeinde nicht selbst erneuern, aber soll sie sich deshalb weniger vehement dafür einsetzen, daß ihrer Erneuerung von ihrem Herrn her jedenfalls keine Steine in den Weg gelegt werden?

Schließt erwägt Herlyn, es könnte sein, “daß eine im Achten auf die biblische Botschaft gewagte Gottesdienstgestaltung am Ende viel radikaler ausfällt als noch so viele vorgeblich nach der ‘Zeit’, in Wirklichkeit aber meist eher nach Beifall oder vielleicht auch nur nach mehr Gottesdienstbesuchern schielende ‘Gottesdienst in neuer Gestalt’.”

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Was meinen wir eigentlich, wenn wir “Gottesdienst” sagen?

    Evangelische Klärungen eines mißverständlichen Wortes

Gottes Werk und Menschenwerk

Zunächst hält Herlyn fest, daß ‘Gottesdienst’ für uns Evangelische zunächst Gottes Dienst sei: “Uns ist diese erste Bedeutung des Wortes deshalb von so fundamentalem Belang, weil in ihr die biblisch-reformatorische Erkenntnis, daß der Mensch allein durch Gott selbst vor Gott gerecht werden kann, bereits begrifflich zum Ausdruck kommt.”

Er erinnert an Luthers Kampf gegen die Werkgerechtigkeit, die dieser zuerst an einem falschen Gottesdienstverständnis festgemacht habe, wonach in der Messe der Mensch Gott zu dienen meint, statt daß Gottes Dienst an uns Menschen gefeiert würde.

“Der eigentliche Mißbrauch des Gottesdienstes besteht für Luther nicht in erster Linie in irgendwelchen problematischen Praktiken, sondern in der ..... Verwechslung von Menschenwerk und Gotteswerk.”

Damit soll jedoch keinesfalls geleugnet - sondern lediglich an die rechte, die zweite Stelle gerückt - werden, daß es sich bei der Feier am Sonntagmorgen - und darüber hinaus - um eine menschliche Veranstaltung handelt: “Menschen sind es, die da zusammenkommen. Menschen sind es, die da reden und hören, beten und bekennen, singen und Orgel spielen, sich informieren und Kollekten sammeln.”

“Wort” und “Antwort”

An einem Gottesdienst sind sowohl Gott als auch der Mensch beteiligt. Nach biblisch-reformatorischem Verständnis “reden [sie] miteinander”, wobei ein deutliches Gefälle besteht zwischen dem sein Wort sagenden Gott und dem darauf hörenden und antwortenden Menschen.

“In ‘Ant-wort’ liegt ja ‘Ent-sprechung’, inhaltliche Abhängigkeit zum Vorausgehenden. (...) Antwort ... gibt es nur in einem inhaltlichen Bezug zu einem vorangehenden Wort, also konkret: im Gehör darauf, selbst da, wo ihm widersprochen wird.”

Das ist kein rein formales Geschehen und: “Das Gehör, in welchem das Wort Gottes menschlicherseits Antwort gegeben wird, ist ... nicht bloße Kenntnisnahme, sondern grundsätzlich Gehorsam, Glaubensgehorsam.” Damit sind Fragen und Klagen der Menschen gegenüber Gott keineswegs ausgeschlossen, wohl aber grundsätzlich eingeschlossen in ihre Beziehung zu Gott.

“Der Glaube ... ist nicht hörig, sondern gehorsam; er antwortet ... nicht irgendwelchen Worten, sondern dem einen, dem freimachenden.”

Die Verwendung der Kategorien “Wort” und “Antwort” wäre allerdings falsch verstanden, wollte man etwa die Teile des Gottesdienstes schematisch darauf beziehen, indem zuerst - in der Schriftlesung und in der Predigt - Gott zu Wort kommt und dann der Mensch in Gebet und Glaubensbekenntnis darauf antwortet.

“Weder verhalten sich ‘Wort’ und ‘Antwort’ komplementär, noch durchdringen sie einander. Vielmehr ist diese Relation nicht mehr als der theologische Versuch, das Geheimnis des Gottesdienstes - zwar nicht zu erklären, wohl aber als solches auszusagen.”

Herlyn setzt sich mit dem Verhältnis zwischen der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und dem menschlichen Reden von Gott auseinander und betont: “Indem sich das Wort Gottes an das menschliche Wort bindet, erobert es dieses geradezu. (...) Die Herrschaft des Wortes Gottes kommt aber nicht jenseits menschlicher Worte, sondern gerade innerhalb dieser zur Geltung. (...) Deshalb wird im evangelischen Gottesdienst grundsätzlich auch nicht in einer Fremdsprache ....., sondern grundsätzlich in rechter Muttersprache geredet.”

Um es noch deutlicher zu sagen, formuliert Herlyn: “Daß es Gott ist, der da in menschlichen Worten redet, zeigt sich nicht an der Verwendung fremder Worte, sondern darin, daß in eigenen Worten anders geredet wird, als es sonst geschieht, womöglich sogar - zwar nicht den menschlichen Ohren, so doch den Herzen - befremdlich.”

“Das Geheimnis des Gottesdienstes ..... gründet biblisch in der Verheißung: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Mat 18, 20).” Doch ist dies keine aus sich selbst heraus wirksame Formel, warnt Herlyn: “Jenes ‘in meinem Namen’ würde ... zu einem quasi-magischen Instrument, und der Gottesdienst wäre seines Geheimnisses beraubt”, wenn man etwa meinte, in einem mit diesen Worten eröffneten Gottesdienst ereignete sich Gottes Wort sozusagen automatisch.

Unter Bezugnahme auf Barth verweist Herlyn darauf, daß es allzu viele gottesdienstliche Veranstaltungen sowie Andachten zu Beginn kirchlicher Zusammenkünfte gebe, bei denen das, was Gott uns sagen hat, gewaltig im Schatten dessen steht, was in der Tagesordnung als Thematik vorgegeben ist.

Recht verstanden seien die liturgischen Einleitungsworte eine “an Gott gerichtete Bitte, nämlich seine Verheißung des ‘da bin ich mitten unter ihnen’ in eben dieser Stunde zu erfüllen....”

Abermals widmet sich Herlyn der Problematik, “Wort” und “Antwort” grundsätzlich und nicht schematisch - auf die einzelnen Bestandteile des Gottesdienstes bezogen - voneinander zu unterscheiden, aber eben auch grundsätzlich aufeinander zu beziehen: “Daß der Gottesdienst, unbeschadet der Tatsache, daß dort sowohl in der Verkündigung als auch im Gebet ausschließlich menschliche Worte laut werden, unter der Verheißung steht, daß hier nicht nur der Mensch redet, das erfüllt sich zwar nicht automatisch mit der Anwendung unterschiedlicher Sprechrichtungen, kann aber dadurch immerhin bezeugt werden.”

Gottes Dienst und Gottesdienst

“Die im Wort ‘Gottesdienst’ beschlossenen zwei verschiedenen Bedeutungsrichtungen - genitivus subiectivus und genitivus obiectivus - haben ... beide jeweils einen weit über das Reden hinausgehenden Horizont, nämlich den, der das jeweils ganze Verhalten - Jesu und des Menschen - umschließt. Jesu Verhalten ist nicht unter andere auch Dienst;  vielmehr ist Dienst, Knechtschaft, Hingabe - und nichts anderes! - sein ganzes Werk. Darin und in nichts anderem bringt er Gottes Herrschaft zum Anbruch. Wohlgemerkt: Gottes Herrschaft und nicht irgendeine austauschbare autoritäre Macht.”

Nach einem Exkurs mit deftigen kritischen Bemerkungen zum kirchlichen Jargon im Zusammenhang mit - ehren- oder hauptamtlichen - “Dienern”, deren Ehrung aus Anlaß eines “Dienst”-jubiläums allzu häufig an vergleichbare Vorgänge im staatlichen Raum erinnert (bis hin zu Parallelen mit den Lobhudeleien auf brutale Alleinherrscher), nimmt Herlyn abermals Bezug auf das Kreuzesgeschehen, dem eigentlich einzigen Dienst, um den es hier gehen kann und muß, und führt aus: “Obschon als solcher einmalig und unwiederholbar, kommt doch jener von Gott am Kreuz geleistete Dienst im Gottesdienst den dort Versammelten je und je nahe. In diesem sehr spezifischen Sinn könnte man sogar sagen, daß da, wo Gott mit uns redet, er uns insofern dient, als uns in diesem Reden sein Dienst nicht nur zugute kommt, sondern als solcher auch erfahrbar wird. Denn: Der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10, 17).”

Wenn das wirklich radikal ernst genommen wird, kann Gottesdienst im menschlichen Sinne nur darin bestehen, “daß die gottesdienstliche Gemeinde gerade darauf verzichtet, dem Dienst Gottes einen eigenen Dienst, ein - etwa kultisches - ‘Werk’ entgegenzusetzen, sozusagen eine Gegenleistung zu erbringen, daß sie statt dessen nicht mehr ‘tut’, als sich jenen Dienst Gottes schlicht - gefallen zu lassen. So, nur so dienst sie Gott, daß sie der Herrschaft seines Dienstes möglichst weiten Raum läßt.”

Das entbindet die versammelte Gemeinde jedoch nicht von der Verpflichtung, “das ihr Mögliche immerhin auch zu tun, mithin jenen Raum nicht willentlich oder auch nur fahrlässig enger und es also dem Wirken des Heiligen Geistes schwerer als nötig zu machen: Den Geist dämpfet nicht! (1 Thess 5, 19).”

“Sonntag” und “Alltag”

“Geht es in Gottes Dienst am Menschen wirklich um Herrschaft und nicht - wie es etwa die unsägliche Schwemme erbaulicher Traktätchen, Bildbände, Sprüchekalender und nicht zuletzt die meisten Gottesdienste selbst glauben machen wollen - um eine betulich-religiöse Versorgung, dann kann der menschliche Gottesdienst, jene Stunde am Sonntagmorgen, nicht mehr sein als der erste, allerdings notwendige Schritt auf einem weit über den ‘Gottesdienst’ hinausreichenden gottesdienstlichen Weg.”

So wie Gott und Mensch miteinander interagieren und also - mit einer allerdings klaren Über- und Unterordnung - aufeinander bezogen sind, so verhält es sich auch mit dem Gottesdienst, der gemeinsam von der versammelten christlichen Gemeinde gefeiert wird, und dem vernünftigen Gottesdienst im Alltag der Welt: “Sonntäglicher und alltäglicher Gottesdienst verhalten sich somit wie die verschiedenen, aber gleichwohl unauflöslich zusammengehörenden Schritte eines Weges. Dabei meint ‘sonntäglich’ nicht primär einen bestimmten Termin ....., sondern primär ein bestimmtes Geschehen, eben jenes, in welchem ..... Gott und Mensch schlicht miteinander reden.”

Nach einer Seitenbemerkung über den Unterschied zwischen  “zwangsläufig” und  “notwendig” - letzteres trifft zu auf die Konsequenz des Alltagsgottesdienstes aus der Tatsache, daß Sonntagsgottesdienst gemäß dem oben entfalteten Verständnis gefeiert wird - unterstreicht Herlyn, der Grund dafür sei Gottes unbeschränkte Herrschaft. Weiter  führt er aus:
“Heißt Gott dienen nichts anderes als der Herrschaft Gottes möglichst weiten Raum lassen, so drängt der ‘sonntägliche’ Gottesdienst geradezu danach, den ‘alltäglichen’ Gottesdienst folgen zu lassen, den man dann wohl auch als ‘erweiterten’ Gottesdienst bezeichnen mag.”

Dazu ist die Gemeinde befähigt, weil sie im Gottesdienst zu hören bekommt, welchen Dienst Gott an ihr getan hat - weit über die Stunde am Sonntagvormittag hinaus: “Für die neutestamentliche Gemeinde jedenfalls waren die Diener am Wort dazu bestellt, um die Heiligen für das Werk des Dienstes zuzurüsten (Eph 4, 11).”

Sie hat dem Auferstandenen zu folgen - nicht mehr und nicht weniger. Doch “weil dieses ‘soll’, diese Notwendigkeit des Zusammenhangs von ‘Sonntag’ und ‘Alltag’ offenbar nur bei Gott, nicht aber unbedingt beim Menschen selbstverständlich ist, deshalb ‘ermahnt’  der Apostel die Gemeinde eigens zum ‘alltäglichen’ Gottesdienst: Eure Leiber als ein lebendiges, Gott wohlgefälliges Opfer hinzugeben, das sei euer vernünftiger Gottesdienst (Röm 12, 1).”

Versammelte Gemeinde

Ist von der Begegnung mit Gott die Rede, wird vom Gottesdienst gesprochen, so ist die Bibel Alten und Neuen Testaments sehr konsequent darin, den Plural zu verwenden.

“Christlicher Gottesdienst ist eben etwas grundsätzlich anderes als ein so oder so wohl in allen Religionen geübter Kultus, bei dem in besonderen Handlungen und Räumen von dazu ausgesonderten Menschen die Verehrung irgendeiner Gottheit vollzogen werden soll.”

Damit nicht genug! “Die neutestamentliche Gottesdienstgemeinde ist entscheidend mehr als ein blasser Plural verschiedener Menschen gleichen Glaubens. Sie ist entscheidend Gemeinschaft (... Apg. 2, 42). Gemeinschaft heißt ja, daß der eine nicht nur neben dem anderen, sondern vielmehr mit dem anderen existiert.”

Herlyn verweist auf die Redeweise vom Leib und den Gliedern bei Paulus: “Bloße Zusammenkünfte, Versammlungen gibt es ja mancherorten, und es mag da dann auch immer wieder kleinere oder größere Gemeinsamkeiten geben, solange der Mensch ein ‘animal sociale’ ist. Die neutestamentliche Gottesdienstgemeinde erfährt bei ihren Zusammenkünften indes offenbar mehr, eben ein tiefes Miteinander: jenes ‘Mit-Leiden’ und ‘Sich-mit-Freuen’. Und sie erfährt dies offenbar deshalb, weil sie sich eben nicht auf ihre eigenen Gemeinsamkeiten ..... berufen muß, um Gemeinschaft zu sein, sondern weil sie sich bei ihren Zusammenkünften auf einen anderen berufen kann, in dessen Namen sie sich versammelt.”

Herlyn beklagt die kirchliche Unsitte, sich zum Gottesdienst versammelnde Gemeinde zahlenmäßig zu erfassen sowie weitere Oberflächlichkeiten auch dort, wo man sich angewöhnt hat, biblisch-reformatorischer Einsicht folgend, von “Versammelter Gemeinde” zu sprechen. Mißverständnisse allenthalben! “Dieses Mißverständnis gründet offenbar in der Ignoranz, sich auf das, was ‘Versammelte Gemeinde’ biblisch-reformatorisch meint, wirklich einzulassen, nämlich daß Gottesdienst mehr ist als eine Ansammlung von Menschen, die wohl das Wort Gottes hören, singen, beten und bekennen, womöglich sogar das Abendmahl feiern, dies alles aber aus der Nähe betrachtet in einem merkwürdigen Nebeneinander tun, in dem der einzelne letztlich doch wieder bei sich selber bleibt. Von ‘Versammelter Gemeinde’ kann man aber nur da legitim reden, wo sich die im Gottesdienst Versammelten der Verheißung der Gemeinschaft wenigstens zu öffnen bereit sind, wenigstens danach fragen und tatkräftig darum ringen, was das denn wohl sein möchte: gemeinsam und also miteinander die Schrift auslegen, gemeinsam und also miteinander beten, singen und bekennen, gemeinsam und also miteinander Taufe und Abendmahl feiern, gemeinsam und also miteinander Kollekte halten, gemeinsam und also miteinander in den ‘Alltag der Welt’ aufbrechen.”

Den Nichttheologen mag es überraschen, aber im Neuen Testament wird begrifflich nicht unterschieden zwischen “Gottesdienst” und “Gemeinde”. - “Neutestamentliche Gemeinde ist Gemeinde, indem sie sich zum Gottesdienst versammelt; neutestamentlicher Gottesdienst ist das, was die Gemeinde zur Gemeinde macht.”

Die aus dem Rest der Menschheit Herausgerufenen (griech.: Ekklesia) haben natürlich auch ein Alltagsleben und beten nicht etwa von morgens bis abends. Aber sie begreifen ihr ganzes Leben als Gottesdienst, denn ob Sonntag oder Alltag - sie stehen beständig in Beziehung zu Gott. “Infolgedessen ist der neutestamentlichen Gemeinde auch unsere übliche Trennung von ‘Gemeindeleben’ und ‘Christsein des einzelnen’ völlig fremd.”

Die ersten Christen lebten ihr Christsein als Glieder am Leib Christi (1 Kor 12) “..... sie lebten ihr Christsein nicht neben oder gar unabhängig von der Gemeinde, sondern nur in der Gemeinde, und dort, wo sie deren Versammlung verlassen, um in den ‘Alltag der Welt’ aufzubrechen, in strikter Bindung an die Gemeinde.”

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Gottesdienstgestaltung - ein “Adiaphoron”?

    Zur ethischen Dimension des Gottesdienstes

Von “Liturgie” zu “Gottesdienstgestaltung”

Wenn Jesus den in seinem Namen Versammelten zusagt, mitten unter ihnen zu sein, dann verstehe man diese Verheißung bitte nicht falsch, als sei (lediglich) die Bedingung zu erfüllen, daß 2 oder 3 Personen zum Gottesdienst zusammenkommen, um Gott sozusagen zu nötigen, in dieser Veranstaltung präsent zu sein: “Es heißt ja nicht: ‘Wenn ..., dann...’, sondern: “Wo..., da...’. D.h. wo Menschen solches tun, nämlich sich in Gottes Namen versammeln, da können sie dessen gewiß sein, daß er ‘mitten unter ihnen’ ist, da dürfen sie mit seiner Gegenwart rechnen. Aber eben - da, wo sie etwas tun.”

Menschen tun also etwas, wenn sie Gottesdienste feiern. Daher sollten sie sich - und Gott - darüber Rechenschaft geben und danach fragen, was zu tun ist - damit es dann möglichst recht getan ist.

Herlyn beklagt den diffusen Sprachgebrauch, wonach “Liturgie” quasi synonym mit “Gottesdienstordnung” verwendet wird, wenn nicht gar bestimmte Teile daraus mit dieser Vokabel bezeichnet werden. Dabei ist das “Werk des Volkes / für das Volk” - so die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes - eigentlich auf das Ganze dessen zu beziehen, was wir Gottesdienst nennen (und hier jetzt an die von Menschen zu verantwortende Seite denken).

Ein “Adiaphoron”?

“Ist die Gottesdienstgestaltung ein menschliches Werk, so muß sie sich - wie jedes andere menschliche Werk auch - die Frage gefallen lassen, nach welchen Kriterien sie sich denn vollziehen soll. Wir nähern uns damit der ethischen Dimension des Gottesdienstes, wenn denn ‘Gottesdienst’ in des Wortes zweiter Bedeutung eine bestimmte menschliche Handlung meint und Ethik wiederum die Kriterien menschlichen Handelns zum Thema hat.”

Herlyn erkennt im Rückgriff der Reformatoren auf die stoische Lehre von den in ethischer Hinsicht neutralen Dingen / Angelegenheiten (adiaphora) das Eindringen bibelfremder Kategorien in die Theologie - wohl deshalb zu Hilfe genommen, weil einerseits wertfrei über die Gestaltung des evangelischen Gottesdienstes nachzudenken war, andererseits aber die katholische Messe als der Werkgerechtigkeit verpflichtet strikt verworfen werden mußte.

Wie findet man Kriterien, ohne in Gesetzlichkeit zu verfallen, und wie vermeidet man gleichzeitig Beliebigkeit?

“Von der Theologie wird ein ethischer Totalitätsanspruch ... nur deshalb erhoben, weil die Erde und was darinnen ist, des Herrn ist (Ps 24, 1), d.h. des Herrn, dessen Herrschaft ja gerade das ‘Reich der Freiheit’ ist. Hier gilt: Alles ist erlaubt (1 Kor 6, 12; 10, 23).”

Dem hält Herlyn den zweiten Teil der paulinischen Aussage - aber nicht alles ist nützlich - entgegen, um nach etlichen Erwägungen zum dem Schluß zu gelangen: “Es ist keine gottesdienstliche Handlung gerechtfertigt, auch nicht eine (vgl. Röm 3, 10). Aber es muß umso mehr gelten: Ihr steht ja nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade (Röm 6, 14). Wenn also jene Gestaltungsfrage durchaus nach dem für das gottesdienstliche Handeln Gebotenen fragt, dann tut sie das nicht auf die Rechtfertigung hin ....., sondern von der Rechtfertigung her.”

Er zitiert Martin Luthers Worte “Keiner wird gerecht dadurch, daß er tut, was recht ist, sondern wer gerecht geworden ist, der tut, was recht ist” und fügt hinzu:
“Für eine spezifisch evangelische, d.h. evangeliumsgemäße Gottesdienstethik stallt sich also die Frage nach dem, was geboten ist, nur in Form der Frage nach dem, was ‘unter der Gnade’ möglich ist.”

Nach einem Hinweis auf die theologische Rede vom “dritten Gebrauch des Gesetzes” - nämlich, sich der Weisung Gottes zu freuen und danach zu leben - führt Herlyn Beispiele evangelischen Liedguts der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als Beispiele für die Lust am Gesetz des Herrn (Ps 1, 2) an. Dann formuliert er: “Von der Rechtfertigung herkommend stellt sich das auch und gerade für den Gottesdienst Gebotene als das ‘unter der Gnade’ Mögliche dar und gerade als solches nicht als das Beliebige, sondern als das - freilich in neuer Weise - Verbindliche.”

Er lehnt es ab, die Bibel zu einem “Regelbuch” zu degradieren, deshalb kommt es für Herlyn nicht in Frage, dort nach liturgischen Vorlagen oder gar Agenden zu suchen.

“Wenn wir Kriterien gottesdienstlichen Handelns in dem uns im Wort Gottes begegnenden Gebot zu entdecken versuchen, so werden wir die Bibel nicht zur ideologischen Grundlage einer neuen Spielart von Imitatio-Ethik verharmlosen. Wir werden - wohl streng am Text bleibens, aber darin gerade nicht nach den toten Buchstaben, sondern nach dem lebendigen Geist fragend - die Bibel als ein Buch des ‘unter der Gnade’ Möglichen und insofern Verbindlichen vielleicht ganz neu aufschlagen.”

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Vom Predigtamt aller

Zur Bedeutung des “allgemeinen Priestertums” für die Gestaltung der gottesdienstlichen Verkündigung

Verkündigungsmonopol

“Gottes Dienst an uns gelten zu lassen heißt für den evangelischen Gottesdienst schlicht und konkret: die Bibel aufschlagen.”

Für die Verkündigung sind gemäß evangelischen Kirchenordnungen ordinierte Pfarrer(innen) - und zwar sie allein - zuständig; niemand darf ihnen hinsichtlich dieser Aufgabe Vorschriften machen oder Einschränkungen auferlegen.

Was erst einmal wohltuend klingt, erweist sich allzu oft als Problem - immer dann nämlich, wenn den mit der Verkündigungsaufgabe Betrauten die Kommunikation des Evangeliums nicht gelingt; und dafür lassen sich viele Beispiele benennen.

“Es ist geradewegs so, als sei um das eigentliche Zentrum des evangelischen Gottesdienstes, eben die Verkündigung, ein unsichtbarer Zaun, eine Art ‘Bannmeile’ gelegt - die Kompetenz und letztendliche Verantwortlichkeit des ordinierten Pfarrers.”

Herlyn macht das - mehr noch als an den Ordnungen der Kirchen - an den Einführungsagenden für Pfarrerinnen und Pfarrer fest.

“Selbst wenn fast alle Dokumente betonen, ‘daß dadurch kein besonderer geistlicher Stand geschaffen werde bzw. daß die mit diesem Amt verbundene geistliche Vollmacht sich qualitativ nicht von der durch die Taufe erteilten unterscheide’, so ist doch nicht zu leugnen, daß mit jener Unterscheidung eines besonderen Verkündigungsauftrags der Amtsträger vom allgemeinen Verkündigungsauftrag aller getauften Christen die vorhandene Gottesdienstsituation, so wir wie sie zu beschreiben versucht haben, kirchenrechtlich legitimiert wird. Mit welchem theologischen Recht, wird zu fragen sein.”

Eine - von dem evangelischen Theologen Ernst Lange vorgeschlagene - Aufteilung in eine Binnen- und eine Außenkompetenz, erstere den Ordinierten vorbehalten, letztere allein den Laien zugebilligt, findet Herlyns Zustimmung nicht, obwohl sie auf Gleichberechtigung wert legt. Zwar ist ein solcher Dialog besser als keiner, aber im Grunde zementiert ein solches Konzept den Status quo, statt Nichttheologen als Leserinnen und Leser der Heiligen Schrift - und mithin auch auslegende - ernstzunehmen.

“Allgemeines Priestertum” und “Predigtamt”

Herlyn zitiert abermals Luther: “Denn das kann niemand leugnen, daß ein jeglicher Christ Gottes Wort hat und von Gott zum Priester gelehrt und gesalbt ist.”

Dessen ungeachtet hat sich in der reformatorischen Theologie die Lehre vom Predigtamt entwickelt und durchgesetzt.

“Nur innerhalb dieser Inpflichtnahme jedes getauften Christen für den Zeugendienst läßt sich nun das besondere Amt der gottesdienstlichen Verkündigung bestimmen. Der dazu ‘ordnungsgemäß Berufene’ tut nämlich qualitativ nichts anderes, als was jeder schlichte Christenmensch an seinem Ort auch zu tun hat. Aber eben: jeder an seinem Ort. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Priestertum aller und dem Predigtamt weniger liegt ..... nicht etwa in ihrer qualitativen Differenz, sondern nur in ihrem jeweils unterschiedlichen Wirkungsbereich.”

Also: Im privaten Rahmen kann nicht nur jeder Christenmensch (beiderlei Geschlechts), er oder sie soll auch Zeugnis ablegen vom eigenen Glauben.

Nur für den Bereich der öffentlichen Wortverkündigung ist es so geregelt, daß u.a. ein  Theologiestudium Voraussetzung dafür ist, daß jemand diese Aufgabe übernehmen darf.

Ein striktes Gegenüber von Gemeinde und Pfarrern - das sich auf die theologische Überzeugung stützt, das Heil komme “von außen her”, der Glaube komme aus dem Hören - wird laut Herlyn “in den letzten Jahren” - das ist jetzt natürlich schon ein Weilchen her - mehr und mehr kristisiert.

“Ämter” oder “Gaben”?

“Gibt es im Neuen Testament Menschen, die - etwa durch besondere Berufungen oder Ordinationen voneinander unterschieden - grundsätzlich nur in dem einen (gemeint: öffentlichen) oder anderen (gemeint: privaten) Lebensbereich verkündigend tätig sind? Mitnichten.”

Herlyn zeichnet nach, daß sowohl Jesus als auch seine Jünger an unterschiedlichsten Orten - ob Privathaus, Synagoge oder gar Marktplatz - verkündigt haben. Er zieht daraus den Schluß, daß Christenmenschen schlicht dort, wo sie sich gerade befanden, gemäß der augenblicklichen Herausforderung ihren Mund aufgetan und Zeugnis abgelegt haben.

Er läßt nicht einmal den “Kronzeugen” der Ämterlehre (1 Kor 12) gelten, wo davon die Rede ist, daß Menschen zu “Aposteln, Lehrern und Propheten” eingesetzt seien. Das könne man nicht mit dem heutigen Verständnis in eins setzen, weil es dabei um Begabungen gehe und nicht um Berufe. Luthers Übersetzung, die sich eingebürgert und in den Köpfen festgesetzt hat - “Ämter” - trifft jedenfalls nicht auf die damalige Situation zu, als handle es sich um Ämter gemäß heutigem Verständnis dieses Wortes.

“Konstitutiv ist allein das Wirken des Geistes, und konstituiert werden nicht ‘Ämter’, sondern ‘Gaben’, ‘Dienste’ und ‘Kraftbetätigungen’.”

Unter Hinweis auf Paulus, der den Herrschaftswechsel der vormaligen Heiden anspricht und die Einheit in der Verschiedenheit betont, folgert Herlyn: “Erst in der Kooperation der Gaben, in ihrem Gebrauch zur Erbauung der Gemeinde verwirklicht sich echte Einheit. Damit wird zugleich jede Form monopolistischer Konzeption ausgeschlossen.  Jeder, der vom Herrschaftswechsel betroffen ist, ist Objekt der Begabung und zugleich ihr tätiges Subjekt. Der Sinn der Begabung liegt also nicht im Besitz der Gabe, sondern darin, daß ihre Verwendung dem Herrschaftswechsel entspricht, also keine neuen Herrschaftsverhältnisse in der Gemeinde aufbaut, vielmehr die Gemeinde erbaut, indem sie ihren Gliedern dient.”

Die ebenfalls als Argument für ein monopolistisches “Amts-“Verständnis gern herangezogenen Pastoralbriefe taugen nach Ansicht Herlyns ebensowenig, das erstrebte Ziel zu erreichen: Statt Allgemeingültigkeit beanspruchen zu können, ist der Situationsbezug mit Händen zu greifen - zu allererst die Auseinandersetzung mit der (sektenhaften) Gnosis.

Sein vorläufiges Fazit lautet: “So viel ist deutlich: Wer für die heute nun einmal vorhandene Amtswirklichkeit nachträglich eine theologische Legitimation zu benötigen meint, wird danach jedenfalls im Neuen Testament vergeblich suchen. Weder begegnet uns dort eine für den Verkündigungsauftrag relevante Bedeutung einer Wirklichkeitsdifferenzierung in privatim und publice, noch wird dort irgendein Verkündigungs’amt’ in der Weise grundsätzlich installiert, daß seiner Begründung sozusagen zeitlose Gültigkeit zukäme.”

Die Vollmacht der Gemeinde

Wenn der neutestamentlich Befund ein Festhalten an einem starren Verkündigungsamt  nicht hergibt, muß es, so Herlyn, wohl andere Gründe dafür geben, daß die Evangelische Kirche es dennoch tut: “......sei es ihre Glaubens und Gedankenträgheit, sei es ihre geistliche Ängstlichkeit, sei es ihr ganz menschliches Machtinteresse.”

Er gesteht zu, daß es auch gute Gründe für eine - wie auch immer - gebündelte theologische Kompetenz gibt, ob es sich um das Erlernen der biblischen Sprachen handelt, die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung oder manches mehr.

Doch diese Erwartung besteht nicht hinsichtlich Glaubensweitergabe im privaten Rahmen, obwohl doch behauptet wird, daß in qualitativer Hinsicht kein Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen bestehe.

Also, mutmaßt er, geht es den der lutherischen Tradition folgenden Kirchenordnungen  um zwei andere Punkte: Man verstehe Verkündigung primär als “Mitteilung bestimmter theologischer Sachverhalte”, und außerdem werde die Aufgabe des Verkündigens zu einer individualistischen Angelegenheit, indem je einzelne damit betraut werden, was einem stark auf den einzelnen Gläubigen konzentrierten Verständnis von Christsein entspricht.

Er weist auf den verräterischen Ausdruck “einen Gottesdienst halten” hin, dem man das Grundverständnis evangelischen Gottesdienstes als einer in der Verantwortung der Amtsperson liegenden Veranstaltung anhören kann - gleichwie die Frage, “worüber der Pastor denn heute gesprochen” habe, erkennen läßt, daß es eben um Sachverhalte geht, die mehr oder weniger ansprechend thematisiert worden sind.

Wer es hinnimmt, auf die “feierlich-klerikale Atmosphäre” zu verzichten, kann so auch zuhause Predigt aus dem Radio hören - wie bei den meisten in Kirchen zu Gehör gebrachten Predigten muß es der Hörende ohnehin zumeist mit sich selbst ausmachen, was er anschließend damit anfangen soll, kann und will.

Hier erhebt Herlyn leidenschaftlich Einspruch: “Die solchem Erscheinungsbild zugrundeliegenden Entscheidungen müssen sich allerdings fragen lassen, inwieweit in ihnen nicht zentrale biblische Aussagen ignoriert werden. Nirgendwo in der Bibel ist Verkündigung primär die Mitteilung bestimmter theologischer Sachverhalte, sondern primär immer verbindliche Inanspruchnahme des Hörers durch das Wort Gottes: Du bist der Mann! (2 Sam 12, 7) und: Ihr seid das auserwählte Geschlecht... (1 Petr 2, 9) - das ist biblische Verkündigung!”

Gegenüber einem vorwiegend individualistischen Glaubensverständnis macht Herlyn abermals geltend, daß für die Christen des Neuen Testament das Selbstverständnis als “Glied am Leib Christi” vorrangig gewesen sei.

“Mit all dem ist noch lange nicht gesagt, daß die Verkündigung grundsätzlich auf eine theologische Fachkompetenz verzichten kann.
Gesagt ist bisher nur, daß es problematisch ist, das Verkündigungsgeschehen primär an einen einzelnen Verkündiger zu binden, dessen Vollmacht dann auch noch vornehmlich in seiner theologischen Fachkompetenz gesehen wird.”

Es wird anscheinend ständig übersehen - oder vielleicht schlicht nicht geglaubt? -, daß allein der Heilige Geist ausschlaggebend dafür ist, ob vollmächtig verkündigt wird, ob jemand nun Theologie studiert hat oder nicht.

Statt dessen also die Zuordnung von Verkündigung und Amt, dem es zur Zeugenschaft in Anbetracht des alle Lebensbereiche betreffenden Herrschaftswechsels, von dem schon die Rede war, allerdings an Kompetenz auf vielen Feldern in aller Regel fehlt. “Warum ist nicht grundsätzlich ein Verkündigungsgeschehen denkbar, in welchem die versammelte Gemeinde ..... das primäre Subjekt der Verkündigung ist, und das heißt doch auch: das ihr gerade als versammelter Gemeinde, als ‘Leib Christi’, Möglichste tut?”

Das liefe darauf hinaus, daß die “versammelte Gemeinde in ihrer Gesamtheit ... zum Verkündiger aneinander [wird]. Sie tut das konkret, indem sie die ihr anvertrauten Gaben (einschließlich Fachkompetenzen) in den Dienst der Verkündigung stellt. Von wem und in welcher Weise dann das vollmächtige Wort tatsächlich ausgesprochen wird, ist dann ganz gewiß keine Frage mehr der Ordination und des Amtes, sondern allenfalls eine der Situation oder vielleicht auch nur der Organisation.”

Daß die Pietisten mit der Abschaffung des ordinierten Amtes auch dringend benötigte theologische Fachkompetenz aufgegeben haben, hält Herlyn für die wahre Ursache der dort häufig anzutreffenden homiletischen Mängel. Das ist aber nicht notwendig die Folge, wenn die Gemeinde konstitutiv an der Verkündigungsaufgabe beteiligt wird, an der auch ein ordinierter Pfarrer beteiligt ist.

Doch die Gemeinde selbst, insistiert Herlyn, ist im Hinblick auf ihre eigene Situation - und um die geht es, da hinein soll das Wort der Verkündigung, die Bezeugung der Herrschaft Christi, gesagt werden - in ihrer Gesamtheit allemal kompetenter als ein noch so gebildeter und einfühlsamer Pfarrer, der bestenfalls nahe bei seiner Gemeinde ist und sich als deren Sprachrohr versteht und betätigt.

Bleibt zum Schluß die Frage: “Ist eine wirklich gemeindliche Auslegung - etwa unter den nun einmal gegebenen Bedingungen unserer verfaßten Kirche - nicht nur denk-, sondern auch durchführbar?”

Auf dem Weg nach Solentiname

“Die im Gottesdienst versammelte Gemeinde wird einander zum Verkündiger..... selbst unter den vergleichsweise ungünstigen Bedingungen volkskirchlicher Wirklichkeit.....”

Nein, das Pfarramt soll nicht abgeschafft werden, die Pfarrer jedoch sollten darüber nachdenken, wie sie dem Auftrag zur Verkündigung so nachkommen können, daß dabei “Früchte” heranreifen, an denen man erkennen kann, wes Geistes Kind diejenigen sind, die sie gepflanzt haben. Es folgen mehrere praktische Beispiele.

Predigtnachgespräch

Teilweise ist diese - recht einfach zu organisierende - Form der Partizipation schon eingeübt und erfreut sich einer gewissen Beliebtheit. Herlyn empfiehlt, darauf zu achten, daß der Raum kommunikationsförderlich ist - also besser, einen anderen Ort wählen als das dazu meist untaugliche Kirchenschiff - und daß eine andere Person als der Prediger die Gesprächsleitung übernimmt.

“Im Predigtnachgespräch geht es nicht primär um die Frage, ob mir die Predigt gefallen hat, ob sie gut oder schlecht war. Nicht Lob oder Tadel stehen im Mittelpunkt, sondern der biblische Text, der ausgelegt wurde, und die Situation des Hörers. Erst dann wird das Predigtnachgespräch zu einer echten Fortsetzung der Auslegung.” Predigtvorgespräch

Wichtig findet Herlyn, darauf zu achten, daß die Teilnehmenden von der Pfarrerin nicht etwa zu Stichwortgebern degradiert werden: “Das Predigtvorgespräch dienst nicht dazu, der Predigerin auf billige Weise Arbeit abzunehmen, sondern sie in neuer Weise für den Text zu sensibilisieren, d.h. seine Aussage im Hinblick auf die Situation der Gemeinde klarer und konkreter, als ihr das allein von ihrem Schreibtisch aus möglich ist, zu erfassen.”

Gottesdienstvorbereitungsgruppe

Man kann sich einen solchen Kreis als feste Einrichtung vorstellen, ebenso aber ist auch  denkbar, daß gemeindliche Gruppen sich darin abwechseln, die zeitlich befristete Aufgabe der gemeinsamen Vorbereitung eines - terminlich festgelegten - Gottesdienstes zu übernehmen. Bewährt habe sich ein Wechsel von Gruppengespräch und Einzelarbeit:

“Die Gruppe führt ein Textgespräch und kommt dabei zu bestimmten Ergebnissen; diese werden von einzelnen zuhause ‘gottesdienstgerecht’ formuliert; der so entstandene Text wird der Gruppe noch einmal vorgelegt, gegebenenfalls korrigiert; der Betreffende bringt seinen von ihm formulierten, aber inhaltlich von der Gruppe getragenen Text in den Gottesdienst ein.”

Solche von Gruppen vorbereiteten Gottesdienste dürfen keine “Sensation” bleiben; deshalb ist Regelmäßigkeit geboten. “Gruppenmäßig vorbereitete Gottesdienste dienen vor allem dazu, der versammelten Gemeinde Mut zur eigenen Beteiligung an der Auslegung zu machen.”

Gespräch im Gottesdienst

Hier sind unterschiedliche Formate vorstell- und machbar: Zwischenfragen und Kommentare, auch in schriftlicher Gestalt, Gespräche in kleinen Gruppen oder gar im gottesdienstlichen Plenum. Angesicht der Heterogenität unserer Gottesdienstgemeinden und fehlender Übung ist eine sensible Wahrnehmung der Situation und achtsame Vorbereitung von großer Bedeutung.

Als nachahmenswertes Modell verweist Herlyn auf Das Evangelium von Solentiname - Ernesto Cardenal hatte in einer Landkommune das Format eines Gruppengesprächs über einen Bibeltext mit seiner Gemeinde auf den Inseln des Nicaragua-Sees eingeübt. Dabei ist aus dem Monopol des Vortragenden die Rolle des gefragten Sachverständigen geworden, an den sich die Gesprächsteilnehmenden wenden, wenn ihnen tiefergehende Informationen zu theologischen oder historischen Fragen wichtig erscheinen.

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     ➎ Dramaturgisch oder authentisch

Von der Möglichkeit der Gemeinde, ihre eigene Sprache zu finden

Auf der Bühne

Wer eine Kirche zum Zwecke der Gottesdienstteilnahme betritt, trifft in jeder Hinsicht auf allzu Bekanntes - um nicht zu sagen: Langweiliges. Da ist der Kirchraum mit seinem Interieur, die Agierenden mit ihrer Kleidung und nicht zuletzt ein gewohnter Ablauf mit fest verteilten Rollen zwischen Pfarrer, Organist, “Publikum”: “In allem der Eindruck, daß hier etwas ‘gespielt’ wird, daß es gar nicht die Realität ist, die hier passiert, sondern allenfalls eine ‘Inszenierung’ derselben; daß es hier gar nicht um das Sein der hier Versammelten geht, sondern allenfalls um deren ‘Rollen’; daß das ganze Gottesdienstgeschehen gewissermaßen auf einer ‘Bühne’ statt im wirklichen Leben stattfindet.”

Handelt es sich auch beim christlichen Gottesdienst um ein “kultisches Drama”, bei dem auf symbolische Weise sehr wohl die Wirklichkeit abgebildet wird?

Gegenfrage: Ist es nicht ... so, daß mit jenem äußeren Spiel eben gerade auch ein sehr  realer Vorgang des Unechten, des bloß ‘Gespielten’, vielleicht sogar Entfremdeten einhergeht. Daß es vielleicht einfach nur eine fromme Illusion ist, daß hier wirklich Teilhabe und ‘Erfüllung’ geschieht und ‘Identität festgemacht’ wird?”

Beispiel Gemeindegesang: “Es muß doch zumindest befremdlich erscheinen, wenn etwa so gefühlsbeladene Choräle wie ‘Fröhlich soll mein Herze springen’ oder ‘O Traurigkeit, o Herzeleid!’ mit einer offenkundigen Regungslosigkeit heruntergesungen werden.”

Noch schlimmer steht es um die Eingangsliturgie: “Allein die emotionalen Elemente des ‘Stücks’, zwischen Erhebung und Zerknirschung, tiefster Niedergeschlagenheit und höchstem Jubel auf- und abwogend, lassen uns Zeuge eines auf engstem Raume zusammengedrängten Psychodramoletts werden, das in dieser derartigen Dichte gar nicht Ausdruck geistlicher Zustände werden kann. Auch wenn wir hier und da einzelnes mitvollziehen können, bleiben wir im ganzen auf eine innere Art und Weise ‘Zuschauer’ oder werden da, wo wir mitsingen oder mitsprechen, gar selber zu ‘Darstellern’. Viele, auch biblische Einzelteile der so gestalteten ‘Eingangsliturgie’ verblassen notwendigerweise zu bedeutungslosen Sprüchen, quasi-magischen Formeln, mechanischen Reaktionen.”

Auch die eigens für Gottesdienste von Menschen geschriebenen Texte wie Predigt und Gebete fallen überwiegend unter die Kritik, nicht anschaulich und lebensnah genug zu sein.

Aber ist das nicht nur der gesellschaftlichen Realität unserer vorfindlichen Gemeinden gemäß, sondern darüber hinaus auch Ausdruck dessen, daß der Gemeinde ihre Identität nicht zu eigen ist, da es sich ja um zugeeignete Identität handelt?

Diesen Einwand hält Herlyn nicht für stichhaltig und verweist einmal mehr auf Aussagen des Apostels Paulus, die allesamt keine Vorfindlichkeiten beschreiben. “Wenn Paulus die Gemeinde in Rom ... als ‘Geliebte Gottes’ und ‘berufene Heilige’ und also in einer offenkundig anderen Identität als ihrer vorfindlichen anspricht, so macht er diese in der Tat woanders fest, außerhalb ihrer selbst, in Gott: Sie sind ja nicht als solche ‘lieb’, sondern ‘ge-liebt’, von Gott geliebt; nicht als solche heilig, ohne Tadel und Fehl, sondern ‘berufene Heilige’, von Gott berufen.....”

Das veranlaßt Paulus jedoch keineswegs zu einer abständigen Sprache; ganz im Gegenteil! “Selbst da, wo der Apostel große Worte wählt, wo er auf tradierte Formulierungen zurückgreift, wo Pathos mitschwingt, selbst da, wo er Beispiele bringt und Bilder verwendet, wo er scheinbar allgemein redet, in ‘Lehre’ verfällt, selbst da ist nirgendwo irgendein Entrücktsein festzustellen, begibt er weder sich noch die von ihm Angesprochenen auf irgendeine ‘innere Bühne’, sondern hat offenbar stets seine und deren konkrete Situation im Blick, wie aus je besonderem Gehalt und Gestalt seiner Briefe unschwer zu entnehmen ist.”

Gottesdienst, der noch immer irgendwie als “Kult” aufgefaßt - und damit gründlich mißverstanden - wird? Herlyn hält dagegen: “Bei alledem scheint ... das biblisch-reformatorische Gottesdiensteverständnis bereits im Ansatz aufgegeben zu sein.”

Unter Hinweis auf Dietrich Bonhoeffer, der attestierte, erst wenn man “völlig darauf  verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen ....., dann wirft man sich Gott ganz in die Arme“ insistiert der Autor: “Die ‘Versammelte Gemeinde’ begeht keine ‘besonderen’ Handlungen, denen per se eine religiöse Dignität eignete - selbst das Aufschlagen und Auslegen der Bibel, das Beten, Singen und Bekennen bleiben ihr streng profan -, sondern sie versammelt sich ‘in seinem Namen’ schlicht so, wie sie ist.”

Selber sagen

“Erst auf der Basis eines Verständnisses von Gottesdienst als ‘Versammelter Gemeinde’ hat die gottesdienstliche Gemeinde die Möglichkeit, authentisch zu reden. Bedingt durch jenes kultische Mißverständnis des Gottesdienstes hat die Gemeinde dieses ... fast vollständig verlernt.”

Verantwortlichen Entscheidungen des Pfarrers “nach getanen Predigtvorbereitung” kommt hier hohe Bedeutung zu: “Was von dem, was ‘unter der Woche’ wichtig war, soll [im Gottesdienst] vorkommen?

Von welchen Freuden und Sorgen, Gewißheiten und Fragen, Hoffnungen und Ängsten, Erfolgen und Mißerfolgen, Überzeugungen und Ratlosigkeiten, Bewährungen und Schulverstrickungen weiß ich aus eigener Begegnung und kann sie deshalb einigermaßen konkret benennen?”

Im Zweifelsfalle - aber besser nur dann - sollte man auf geliehene Worte zurückgreifen, als sich - vergeblich - um eigene Formulierungen zu mühen, die treffend sind.

In jedem Falle mehr Aussicht auf eine realistische Sicht auf die Lebenswirklichkeit der Gemeinde bietet die gemeinsame Gottesdienstvorbereitung in einer Gruppe, meint Herlyn unter Verweis auf weiter oben Gesagtes. Auch wenn eine Gottesdienstvorbereitungsgruppe bereits eine deutliche Verbesserung darstellt, strebt Herlyn eine “darüber hinausweisende Perspektive” an: “Sie kann - auf der Linie des bisher Erörterten verbleibend - auf Dauer nur dem Selber-Sagen der im Gottesdienst versammelten Gemeinde selbst liegen.”

Um befürchtete Peinlichkeiten zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren, sei “zuchtvolles Reden” einzuüben und als Zwischenschritt dahin “das gottesdienstliche Schweigen wiederzuentdecken.”

Er betont, dies sei tatsächlich nur als Zwischenschritt zu erproben, “solange die Gemeinde notorisch hinter ihrer geglaubten und bekannten communio hinterherhinkt. Warum sollte in einem Leib, in welchem, wenn ein Glied leidet oder geehrt wird, alle Glieder mitleiden oder sich mitfreuen (1 Kor 12, 26), etwas Persönliches noch peinlich sein und damit das Schweigen am Ende nicht überflüssig werden?”

Nur das rein Persönliche jedes einzelnen gehört nicht in die gottesdienstliche Versammlung der Gemeinde.

Doch: “Warum sollte eine versammelte Gemeinde grundsätzlich nicht z.B. vor einem gemeinsamen Gebet darüber reden können, was heute als Sache aller vor Gott zu bringen sei (vgl. Mt 18, 19)?”

Ja, meint Herlyn, damals in Korinth ging es durchaus dramatisch zu, da wurden die vorhandenen Konflikte angesprochen und ausgetragen, doch “‘dramaturgisch’ ist es gerade deshalb nicht.”

“Wenn sich die neutestamentliche Gottesdienstgemeinde anders verhält als anderswo, dann nicht, indem sie sich unnatürlicher ‘liturgischer Gesten’ und ‘Rollen’ befleißigt, dann nicht, indem sie künstlich eine Atmosphäre menschlicher Sterilität erzeugt, um möglichst viel von dem, was sie wirklich betrifft, außen vor zu lassen.”

Nein: Das tut sie nur, wenn und weil sie unter der Gnade eine andere geworden ist. Und wenn Gemeinde dann “im Gottesdienst beginnt, anders zu leben, als anderswo gelebt wird, dann wird sie gerade so ihrer ..... Identität gerecht, verhält sie sich gerade so authentisch.”

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➏    Leib in Sicht

Von der Möglichkeit der gottesdienstlichen Gemeinde, ihrer Gemeinschaft Gestalt zu geben

Gemeinschaft

Wenn der Glaube laut dem Hebräerbrief kategorial nichts Nichtbares ist, Gemeinschaft im Gottesdienst aber durchaus ein sicht- und erfahrbares Geschehen unter Menschen darstellt, wie steht es dann, fragt Herlyn, mit dem Verhältnis zwischen der geglaubten und der erlebten “Gemeinschaft der Heiligen”?

Man könne das logische Problem nicht einfach dadurch auflösen, daß man hier von der (“nur” geglaubten) Gemeinschaft mit Gott spreche und dort von jener untereinander.

Nach einer schroffen Zurückweisung der - auch noch auf das Kreuz Christi bezogenen - Redeweise von der vertikalen und horizontalen Verbundenheit (welche er “denkfaul” und “jedenfalls von sich aus” mit dem Kreuz nicht verbunden nennt), erinnert Herlyn: “Es ist immerhin auffallend, daß das Volk Israel jedenfalls vor seinem Gott als Gemeinschaft mit Gott und nicht als eine Ansammlung vieler einzelner steht, die je ihre Gemeinschaft mit Gott und ‘dann auch’ Gemeinschaft untereinander haben. Umgekehrt ist die Verletzung der Volksgemeinschaft als solche Abfall von Gott, der deshalb die isolierten ‘vertikalen’ Aktionen des Volkes bekanntlich nicht riechen mag (Am 5, 21).”

Gottesgemeinschaft und Volksgemeinschaft sind zwar beileibe nicht identisch, aber aufeinander bezogen: “Dieses In-Sein der Gottesgemeinschaft in der Volksgemeinschaft scheint uns noch etwas anderes zu sein als etwa die jenen dichotomischen Formulierungen in der Regel auf dem Fuße folgende Behauptung, daß ‘eines nicht ohne das andere’ gehe. Wieso eigentlich nicht? Solange kirchliche Frömmigkeitsübungen wie etwa die viel praktizierten ‘einleitenden Andachten’ ersichtlich nichts mit dem Folgenden zu tun haben, solange Gottesdienste den Eindruck zu erwecken vermögen, hier gehe es zunächst einmal um etwas, das jeder für sich ‘mit seinem Gott’ auszumachen habe, solange etwa eine Abendmahls- und eine Taufpraxis möglich ist, bei der die Teilnehmer auf ihre Plätze bzw. in ihren Alltag zurücktrotten, als wäre nichts geschehen, solange geht ..... offenbar doch eines ohne das andere.”

Dieses Ineinander von Gemeinschaft mit Gott und Gemeinschaft untereinander sieht Herlyn exemplarisch zum Ausdruck gebracht in Jesu Zusammenbindung des Liebesgebotes als Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten.

Die Praxis erlebt Herlyn völlig anders, und er geißelt die Bemäntelung der unhaltbaren “Denkungsart, wonach es immer ‘zunächst’ um die Gemeinschaft mit Gott und ‘dann auch’ um die Gemeinschaft mit anderen Menschen” gehe.

“Solange die Gottesdienstgemeinde ... angeredet und behandelt wird, als sei sie nicht mehr als eine Ansammlung einzelner Individuen, solange im Gottesdienst der Eindruck erweckt wird, man könne diesen durchaus zu seiner ‘inneren Erbauung’, die es biblisch gar nicht gibt, ‘besuchen’, solange im vielgepriesenen Individualismus nicht Zerstörung und Not gesehen werden, solange wird von der Kanzel offenbar etwas beharrlich zumindest verschwiegen und die Gemeinde geradezu dazu verleitet, ihr Bekenntnis zur ‘Gemeinschaft der Heiligen” zum Geplärr (Am 5, 23) verkommen zu lassen.”

Man lasse sich nicht vom kirchlichen Jargon blenden, der von “Geschwistern” und von “Einmütigkeit” spricht! Das verhindert weder Gemeinheiten noch Ignoranz, und die bloß äußerliche Tatsache, daß da eine gewisse Menge von Menschen in einem Raum zusammengekommen ist, macht diese Gruppe noch lange nicht zu einer “Gemeinschaft unter dem Wort”.

Mit Paulus stellt Herlyn heraus, daß die christliche Gemeinde die Verbundenheit mit Christus darstellt durch die - über den Sonntagsgottesdienst hinausgehende -Gemeinschaft, die sie miteinander lebt. Das wird besonders deutlich bei der Feier des Abendmahls: “Das Abendmahl ist also nichts anderes als ein Verkündigungsgeschehen.”

Er schließt das Unterkapitel ab mit den Worten: “Insofern gilt: ‘Ich glaube - nicht an die ‘Gemeinschaft der Heiligen’, sondern daß in der ‘Gemeinschaft der Heiligen’ mir die Gemeinschaft mit Christus, mithin jene neue Wirklichkeit begegnet.”

Gemeinschaft gestalten

Es gibt in Gemeinden viele Gruppen und Kreise und manches mehr, wo Gemeinschaft ganz groß geschrieben wird. Nur beim Gottesdienst scheint das nicht zu gelten - und das, obwohl dieser laut dem Neuen Testament Gemeinde überhaupt konstituiert.

Es folgt - im Schnelldurchgang - eine neuerliche Benennung der hinderlichen Faktoren für Gemeinschaft im Gottesdienst. Daß dies kaum jemanden bzw.  wenig stört, empfindet Herlyn als zusätzliches, wenn nicht gar als das eigentliche Problem: “Fragt es sich nicht ..., ob eine Gemeinde, die ihre Gottesdienste in vieler Hinsicht so penetrant gemeinschaftsfeindlich gestaltet, jene Botschaft vom ‘Leibe Christi’ überhaupt noch ernsthaft glaubt, ob die notorisch unkommunikative Art ihrer so regelmäßig bekannte communio sie nicht zu einem zumindest sehr unglaubwürdigen Zeugen ihres Credos macht? Die Gemeinde schafft nicht ihre Gemeinschaft, aber sie hat ihr Raum zu geben und insofern durchaus zu - gestalten; sie hat mit der Gestaltung des Gottesdienstes das Ihre zu tun, damit dem gemeinschaftsschaffenden Wirken des Heiligen Geistes auch hier nicht mutwillig Steine in den Weg gelegt werden.”

Abendmahlsgemeinschaft

Bei allem konfessionellen Dissens, über den weiterhin geschwisterlich zu streiten sei, dürfe doch der Gemeinschaftscharakter des Abendmahls nicht in Abrede gestellt werden, das “eine besondere, auch sichtbare Form der Verkündigung (verbum visible) darstellt.”

Das Brotbrechen stellt ein Urelement christlicher Gottesdienstfeier dar - wobei dies “offenbar keinen exklusiv-esoterischen Charakter einer quasi-kultischen Insidergruppe [hatte], sondern offene gemeinschaftseröffnende, kommunikative Funktion, lange Zeit integriert in ein normales, gemeinschaftliches Sättigungsmahl.”

Die Bezeichnung “unwürdig” im Zusammenhang mit dem Abendmahl beziehe sich daher nicht auf ethische Fragen, sondern bezeichnet “sich beim gemeinsamen Essen unsozial Verhaltende.”

Es gebe, referiert Herlyn den Neutestamentler Ernst Käsemann, “nur ein einziges todeswürdiges Verbrechen beim Herrenmahl, nämlich verleugnete Bruderschaft.”

Er geht dann eine Reihe von Aspekten durch, die beachtet sein wollen, wenn der Charakter eines Gemeinschaftsmahls denn konstitutiv sei für die Feier des Abendmahls. Im einzelnen zählt er auf:

-    Kinder dürfen vom Abendmahl nicht ausgeschlossen werden.

-    Über die Häufigkeit der Feier ist nachzudenken.

-    Das Abendmahl gehört mitten hinein in die Gottesdienstfeier.

-    Die Aufspaltung in Kommunikanten und Nichtkommunikanten ist aufzuheben, insbesondere durch einen Verzicht darauf, daß erstere nach vorn gehen.

-    Statt eines oder weniger handelnder Person(en), die das Abendmahl austeilen,  soll ein gegenseitiges Geben und Nehmen praktiziert werden.

-    Einzelkelche darf es nicht geben, über Möglichkeiten zur Überwindung der “Ekelhürde” ist sehr ernsthaft nachzudenken.

-    Da nicht nur einige Auserwählte eingeladen sind, sondern es sich um ein “Fest nicht nur der zutiefst Unwürdigen, sondern auch der Bedürftigen, Sehnsüchtigen, Geschundenen, Verzweifelten und Verdammten dieser Erde” handelt, müssen alle Hindernisse beseitigt werden, die einer Einbeziehung aller im Wege stehen - etwa eine unverständliche Insidersprache, ebenso aber auch die Verwendung von Alkohol.

-    Die Verbindung von Gedächtnismahl und Sättigungsmahlszeit gebietet es, Gelegenheiten zu schaffen, das Abendmahl als Tischgemeinschaft zu begehen. “Keiner weiteren Überlegung sollte in diesem Zusammenhang die Abschaffung des unsäglichen Eßpapiers bedürfen.”

-    Der Alltag der Welt gehört mit an den Tisch des Herrn, wenn es “im Abendmahl um die Teilhabe der Gemeinde an dem ‘Leib Christi’, d.h. an der in seiner leiblichen Geschichte angebrochenen neuen Wirklichkeit geht.”

Fazit: “An die Stelle einer kalten Verwaltung hat eine theologisch verantwortliche ..... Gestaltung zu treten.”

Taufgemeinschaft

“Ebenso wie das Abendmahl ist auch die Taufe nicht mehr als eine besondere, eben sichtbare (visibile) Form der Verkündigung. Unbeschadet ..... theologischer Differenzen ..... kann der gemeinschaftliche Charakter der Taufe prinzipiell ebenfalls nicht in Abrede gestellt werden.”

Doch auch hier zeigt sich das Verständnis des “zunächst einmal” und später “dann auch”, wie man gängigen Taufagenden und der beobachtbaren Praxis entnehmen kann.

Dem hält Herlyn entgegen: “Wohl geht es ... in der Taufe jeweils um die Zugehörigkeit einzelner Menschen zu Jesus Christus, aber indem sie Jesus Christus zugehörig werden, werden sie zugleich seiner Gemeinschaft zugehörig. (...) Der Anteil eines einzelnen Menschen an der ‘Gemeinschaft mir dem Leibe Christi’ der in der Taufe seinen für ihn und die Gemeinde signifikanten Anfang hat, bedeutet gleichzeitig den Anteil an der Gemeinschaft, wo nicht mehr Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, Mann noch Weib ist (Gal 3, 28).” Es geht eben nicht um einen privaten Heiland, “sondern es ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde (Kol 1, 18), dem der einzelne Mensch in der Taufe signifikant hinzugetan (Apg 2, 41.47) wird.”

Die von Barth beanstandete “Unordentlichkeit unserer Taufpraxis” ist von daher nicht nur im Hinblick auf die Unmündigkeit der Täuflinge, sondern “darüber hinaus auch im Hinblick auf dessen geschilderte Vereinzelung zu reklamieren [...].”

Auch für die Taufe sind auf der Linie ihrer biblisch belegten grundsätzlichen Gemeinschaftlichkeit praktische Konsequenzen zu ziehen:

-    Das Problem muß wenigstens angesprochen werden, daß es sich bei der Säuglingstaufe - und dann auch noch in ihrem meist individualisteschen Verständnis - nur um eine “halbe Taufe handelt.

-    Eigentlich müßte schon die Taufunterweisung - am besten in Form eines Elternkatechumenats - gemeinschaftlich praktiziert werden.

-    Grundsätzlich sollte keine Taufe außerhalb des Gemeindegottesdienstes mehr möglich sein.

-    Die Taufe ist so zu gestalten, daß ihr Gemeinschaftscharakter erkennbar wird, etwa, indem die “Taufgesellschaft” aktiv Teile des Gemeindegottesdienstes (mit)gestaltet.

-    Es darf nicht beim einmaligen Akt des Taufens bleiben, soll damit ernst gemacht werden, daß die Getauften “dem Leib Christi hinzugetan” sind; es bedarf begleitender Aktivitäten der Gemeinde mit dem Ziel der Integration der Getauften in die vorhandene Gemeinschaft.

-    Die der Taufe folgende integrative Tätigkeit der Gemeinde muß “mehr sein als die Ermöglichung eines raschen Heimischwerdens eines Neulings in einem neuen Umfeld, etwas anderes vor allem als die Anpassung an ein gemeindliches Insidertum.”

Solidarität

“Kirche ist als Darstellung des ‘Leibes Christi’ per definitionem auch Kirche ‘für andere’.”
Schließlich sind die Apostel ja auch gesandt bis hin zu den Enden der Erde, und sie sollen nicht nur Sympathisanten sammeln, sondern die Frohe Botschaft verkünden.

“Wenn ‘Solidarität’ Gemeinschaft auch mit dem ‘andern’ heißt, dann ist die in Jesu Christi leiblicher Geschichte angebrochene und in seiner Wiederkunft sich vollendende neue Wirklichkeit solidarische Wirklichkeit. Was wunder, wenn für die, die nun mit ihrer Solidarität zur Zeugenschaft jener neuen, solidarischen Wirklichkeit gerufen sind, nicht etwa die religiöse Zugehörigkeit des andern, sondern dessen Bedürftigkeit zum Kriterium konkret zu übender Solidarität wird (vgl. Mt 25, 31ff.; Lk 10, 25ff.). Die gottesdienstliche Gemeinde vollzieht hier den ersten und zweiten Schritt solcher Solidarität, indem sie für andere betet und beginnt, mit anderen zu teilen.”

Die - im Neuen Testament ausführlich bezeugte - Fürbitte nennt Herlyn als einen ersten Schritt der Gemeinde, Solidarität mit anderen zu üben, indem sie am Wohl und Wehe anderer tatsächlich Anteil nimmt.

“Der zweite Schritt möglicher Solidarität besteht für die Gemeinde darin, daß sie untereinander und mit anderen teilt. Einen Anfang macht sie bereits im Gottesdienst mit ihrer Kollekte.”

Am Beispiel der eindringlich beworbenen Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem (2 Kor 8 und 9) verdeutlicht Herlyn das neutestamentliche Verständnis von Kirche - Zitat Otto Weber: “Jede örtliche Kirche lebt ‘in Christus’ nicht bloß ihr eigenes Leben, sondern zugleich das der je anderen..... Das bedeutet: die eine Gemeinde braucht die je andere, sie kann nicht ohne sie - Kirche sein.”

“Fürbitte und Kollekte als die beiden ersten Schritte gottesdienstlicher Solidarität setzen voraus, daß die Gemeinde über den ‘anderen’ Bescheid weiß.”

Bei Paulus kann man das wunderbar studieren. Im Gottesdienst erfüllen die Abkündigungen die Funktion, über das Geschehen in der Gemeinden und rund um sie herum zu informieren - oder sollten zumindest diese Funktion erfüllen.

Doch dabei kann Kirche nicht stehenbleiben. Es folgen fünf Leitlinien für “über die Gemeinschaft hinausgehende gottesdienstliche Solidarität der Gemeinde”.

-    Ausführliche Informationen über Hintergrund und Zweck der Kollekte vermitteln wenigstens grundlegendes Wissen über die Situation derer, die leiden / Hilfe benötigen, um welche die Gottesdienstteilnehmenden gebeten werden. Es erscheint Herlyn geradezu widersinnig, während der Einsammlung der Kollekte einen Gesang anzustimmen - umso mehr, wenn dieser thematisch und atmosphärisch mit dem Kollektenanliegen nichts zu tun hat.

-    Mehr Interesse der (sich oftmals gestört fühlenden) Gottesdienstteilnehmenden als das langweilige Herunterlesen herkömmlicher Kollektenempfehlungen verspricht sich Herlyn von anderen Medien / Informationsquellen wie etwa Zeitungsberichten. Auch den Ökumenischen Fürbittenkalender erwähnt er lobend.

-    Die Einbeziehung jener, die nicht am Gottesdienst teilnehmen (können), sollte sachkundig und engagiert - am besten von einer Gruppe - vorbereitet werden, damit sich das “Allgemeine Kirchengebet” nicht in belanglosen Abstraktionen verliert.

-    “Wenn die Kollekte wirklich eine kollektive Aktion ist, dann darf auch ihr Zweck  prinzipiell kein Tabu sein.” Dann muß also auch darüber geredet werden, was wichtiger und was weniger wichtig ist. Eine Vorab-Veröffentlichung, etwa im Gemeindebrief, wird ebenso empfohlen wie eine Diskussion über Prioritäten, “statt auch hier wieder alles jeden einzelnen ‘mit sich persönlich abmachen’ zu lassen.”

-    “Wenn Fürbitte und Kollekte nur erste Schritte gemeindlicher Solidarität mit dem ‘anderen’ darstellen, dann wird die Gemeinde nach Möglichkeiten der Solidarität suchen, die über den Gottesdienst hinausgehen.” Sofern möglich, sollten Betroffene selbst zu Wort kommen und ihre Situation schildern.

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➐    Ordnung muß sein - aber welche?

    Plädoyer für eine offene Agende

Weitestgehende Festlegung

Die Evangelischen Landeskirchen haben Gottesdienstordnungen, die sich - bis ins letzte Detail den Gottesdienstablauf regelnd - wie verbindliche Gesetzeskorpora lesen.

Wie steht es hier mit dem Verhältnis von Evangelium und Gesetz?

Natürlich ist die Agende (“was zu tun ist”) nicht ins Belieben gestellt, schreibt Herlyn unter Berufung auf die III. Barmer Theologisch These.

Aber er fragt zugleich, ob unsere Gottesdienstordnungen tatsächlich im Hören auf das Evangelium entstanden seien. So zu fragen, heißt zu argwöhnen, daß dies nicht der Fall ist, indem er präzisiert: “Sind unsere Gottesdienste in ihrer so oder so angelegten Geordnetheit dergestalt, daß man ihnen schon an ihrer Ordnung ..... anmerkt, daß uns hier nichts anders als das Evangelium ..... begegnet?”

Auf jeden Fall finden sich Einflüsse ganz anderer Provenienz, sei es das bürgerliche Ordnungsbedürfnis, seien es ästhetische Aspekte, gedankenlos Tradiertes, Früchte pastoraler Individualbegabung oder Ausprägung der Frömmigkeit.

“Eine sich in dieser Sache verantwortlich wissende, d.h. auch in Fragen der Gottesdienstordnung an das Evangelium gebunden wissende Gemeinde wird ‘ihre Liturgie nicht für unberührbar, weil fehlerfrei halten, wird sie ... der kritischen Frage: ob sie recht getan sein möchte? ob sie nicht anders und besser getan werden sollte? nie ..... entziehen können!’”

Mit einer spöttischen Nebenbemerkung auf die zahlreichen Differenzierungen innerhalb der Gottesdienstordnungen in bezug auf das “Ordinarium” (die für alle Gottesdienste gleichen Elemente) und das “Proprium” (das für jeden Sonn- und Feiertag Spezifische), und zwar je nach konfessioneller Ausprägung mit unterschiedlichen Akzenten, die auch das Miteinander von Liturg, Kantor und Gemeinde und vieles mehr zu regeln suchen, liest man im Kleingedruckten folgende Warnung:

“Die übergroße historisch-konfessionalistische Verästelung dieser Materie läßt den nüchtern an der Sache Interessierten leicht zu einem Spezialisten, den Spezialisten zu einem Liebhaber und den Liebhaber am Ende zu einem Fan werden. Als ginge es bei dieser Angelegenheit um einen Sport oder die Sammlung von Schallplatten! Wer sich in diese Thematik vertieft, sehe zu, daß er in seiner Liebe nicht blind werde für das Wesentliche; er sehe auch zu, daß er sich in seiner Leidenschaft nicht willentlich oder unwillentlich zu einem geheimen Agenten des status quo mache.”

Herlyn wendet sich anschließend den - voneinander zu unterscheidenden - Begründungen der Notwendigkeit von Gottesdienstordnungen zu und beginnt mit jener, die zunächst einmal nicht nach spezifischen Inhalten fragt, sondern grundsätzlich für eine fest Ordnung plädiert.

Gegenüber dem Argument, feste Ordnungen förderten ein Gefühl der Beheimatung, macht Herlyn den Einwand geltend, wir Christenmenschen hätten doch gar keine feste Bleibe (1 Kor 4, 11).

Er zweifelt auch daran, mit ständiger Wiederholung lasse sich Beheimatung erzielen; Gewöhnung solle man nicht in eins setzen mit Vertrautheit.

Verbundenheit selbst Reisender mit der an fremdem Ort feiernden Gemeinde lasse sich besser als durch starre Vorgaben dadurch erreichen, daß die Einheimischen sich den Gästen freundlich zuwenden, sie begrüßen und ggf. in ihre Art der Gottesdienstfeier einführen.

Überhaupt hält Herlyn dem Trend zur Vereinheitlichung reformatorische Prinzipien entgegen: “Und ist nicht not zur wahren Einigkeit der christlichen Kirche, daß allenthalben gleichformige Ceremonien ... gehalten werden.”

Sodann setzt sich Herlyn mit den Argumenten derer auseinander, die sich auf die Tradition als reichen Erfahrungsschatz berufen und vor einer Verarmung im Falle einer Nichtbeachtung warnen.

Zunächst einmal gelte es zu unterscheiden, woher denn nun welches liturgische “Erbgut” komme, ob es sich um “Menschensatzungen” handle oder tatsächlich um biblische Botschaft.

Dann kann man ja auch durchaus in Frage stellen, ob ein verantwortlicher Umgang mit dem “liturgischen Erbgut” unbedingt zu festen Formen führen muß: “Sind traditionelle Gottesdienstelemente nicht mindestens ebensogut, wenn nicht am Ende sogar weitaus sinnvoller in einem weniger festgelegten, lebendigeren Gottesdienstgeschehen aufgehoben?”

Bei allem Respekt für die Väter und Mütter im Glauben dürfen deren Glaubenserfahrungen nicht zu einem Hemmnis für die Heutigen werden: “An die Stelle  blinden Beharrens muß hier die Verantwortungsbereitschaft zu theologischer Entscheidung treten. Oder ‘verwenden wir die Überlieferung, um die unbequeme Verantwortlichkeit heute uns zu erleichtern’?”

Den Argumenten der Verfechter des rituellen Wiederholens - gern unterfüttert mit Hinweisen auf die Bedeutsamkeit des Kirchenjahres - stellt Herlyn kritische Fragen: “Ist es theologisch legitim, jene sicher unbestreitbare menschliche “Grundausstattung” dem Heiligen Geist gewissermaßen vorzuschalten, dessen Wirken sich dann nur noch allenfalls innerhalb jener Ritualstruktur entfalten könnte?”

Auch muß erwogen werden, ob nicht der zyklische Charakter sowohl des einzelnen Gottesdienstes als auch insbesondere des Kirchenjahres als ganzem dazu verleite, das Heilsgeschehen am Ende wie eine in sich geschlossene mythische Welt zu betrachten.  “Ja, verhindern die liturgischen und periodischen Wiederholungen nicht die Wahrnehmung der Geschichtlichkeit des Heilsgeschehens und damit auch die Möglichkeit zu dessen je und je gebotener Aktualisierung? ‘Wo das Alle Jahre wieder...  regiert, da freilich kann es keine Entscheidung geben.’

Haben die Reformatoren vergeblich vor einer Abnutzung selbst (und gerade) der wertvollsten Texte der Bibel gewarnt, fragt Herlyn, der ausdrücklich das Aussprechen von Credo und Vaterunser “keinesweg per se sakrosankt[e]” nennt.

Er setzt sich auch mit jenen Stimmen auseinander, die davor warnen, den Anteil des grundsätzlich Festgelegten um der Situation willen zu verringern - wobei sie interessanterweise auf gelungene Gottesdienste “in neuer Gestalt” zur Untermauerung ihrer Voten hinweisen. Besagte Ordnungsfanatiker wittern die Gefahr der Willkür durch “Virtuosen der Selbstdarstellung”.

“Es ist zu fragen, ob in der Konsequenz solcher Argumentation nicht die Einschränkung und am Ende womöglich völlige Ausschaltung der Predigt stehen muß. Diese ist ja das ‘Proprium’ des evangelischen Gottesdienstes, d.h seine Hauptsache fällt in den Bereich des nicht Festgelegten, jeweils neu und frei zu Gestaltenden.”

Vehement hält Herlyn der von ihm gesehenen Gefahr einer weitestgehenden Vergesetzlichung und fortschreitenden Erstarrung evangelischer Gottesdienste sein als Frage formuliertes Credo entgegen: “Könnte es nicht ... umgekehrt sein, daß etwa ein gewohnter Gottesdienstablauf nur den Anschein erweckt, hier gehe alles mit rechten Digen zu, und so die subjektive Willkür gerade nicht verhindert, sondern allenfalls verschleiert wird?”

Dann wendet sich der Autor der anderen Argumentationsreihe zu, welche sich für inhaltliche Festlegungen ausspricht und sich teilweise an kirchenjahreszeitlichen Daten, teils an dogmatischen Normen orientieren.

Demzufolge “fehle” einem Gottesdienst etwas, wenn darin ein als fundamental betrachtetes Element - etwa der Segen - nicht vorkomme oder etwa am 24. Dezember die Geburt Jesu kein Thema wäre.

Dem Anspruch dieser Konzeptionen auf Vollständigkeit gegenüber ist leicht nachzuweisen, wo sich inhaltliche Lücken auftun (so daß sich die Frage verschiebt: warum diese Themen so ausführlich und andere gar nicht gottesdienstlich aufgreifen?). Er weist auf logische Unstimmigkeiten im Ablauf des Gottesdienstes ebenso hin wie auf den Verlust von biblischen Themen, die früher einen hohen Stellenwert hatten, etwa das “Maranatha” der frühen Christenheit, um schließlich den Anspruch auf Vollständigkeit  als solchen grundsätzlich in Zweifel zu ziehen.

“Angesichts einer formal und inhaltlich derart erschütternden Argumentationslage stellt sich notgedrungen die Frage, ob nicht für die Aufrechterhaltung fester Gottesdienstordnungen letztlich andere ..... Motive wirksam sind.....”

Größtmögliche Offenheit

Im NT komme weder das Wort “Ordnung” selbst noch das, was wir darunter verstehen, häufig vor, konstatiert Herlyn.

Zwar gäben die Briefe einiges her, aus dem man Rückschlüsse gewinnen kann, wie die Christen ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte gestalteten, aber an regelrechten Gottesdienstordnungen erfahre man so gut wie nichts.

“Aufschlußreich scheint uns an dieser Stelle jener vom Gottesdienst handelnde Text zu sein, in dem nun wirklich einmal von ‘Ordnung’ die Rede ist: 1 Kor 14. Die hier zu Tage tretende Situation ist die, daß es im Gottesdienst der korinthischen Gemeinde offenbar zu ‘Unordnung’ (V. 32) gekommen war, die darin bestand, daß verschiedene geistbegabte Gemeindeglieder entweder auf einmal redeten oder so, daß es keiner verstand.”

Paulus’ Ordnungsruf an die Gemeinde besteht nun in der Ermahnung aller, so zu reden, daß es auch verstanden wird, damit dadurch die Gemeinde erbaut werden kann; denn darin, so der Apostel, bestehe der Sinn all ihrer Zusammenkünfte. “Die Erbauung der Gemeinde besteht, so deutet es dieser Text wenigstens an, darin, daß sie einander ermahnt, tröstet (V. 3) und auf dieser Weise einander nützt (V. 6).”

Mehr als das Vermeiden gegenseitiger Behinderung im Reden und Verstehen scheint für den Gottesdienst der korinthischen Gemeinde an Regelung nicht erforderlich gewesen zu sein, stellt Herlyn fest.

“Nach allem, was wir uns vom Neuen Testament her klarzumachen versuchten, halten wir es für geboten, in dieser Sache für eine offene Agende einzutreten. Unser Plädoyer gilt einer Gottesdienstordnung, in der nicht das meiste weitestgehend festgelegt ist, sondern in der umgekehrt von menschlicher Seite das möglichste getan ist, um das Wirken des Heiligen Geistes nicht zu behindern.”

Mit Hinweis auf die durch Christus geschenkte Freiheit vom Gesetzt, mithin auch von einer gesetzlich-kleinlichen Regelung gottesdienstlichen Geschehens schränkt Herlyn die zugestandene Notwendigkeit einer Ordnjung auch im Gottesdienst dahingehend ein, daß er mit Manfred Josuttis sagt: “Ordnung ist nur unter dem Vorzeichen der Freiheit  sachgemäß zu begründen und zu handhaben.” Er folgert: “Eine offene Agende würde also nicht bedeuten, daß jeder machen kann, was er will, sondern daß jeder - endlich - machen kann, was ‘nützlich’ und ‘aufbauend’ ist.”

Was wäre dann überhaupt noch festzulegen (damit die im Namen Jesu Versammelten  wahrhaftig Gottesdienst feiern)?

Herlyn nenn lediglich drei Aspekte:

1) Unverzichtbar ist, daß Gottes Wort laut wird.

2) Auf Gottes Wort hin antwortet die Gemeinde in jedem Fall betend.

3) Sie tut dies unbedingt gemeinschaftlich.

“Eine offene Agende ließe sich tragen von einem großen Vertrauen in die Selbstwirksamkeit des Wortes und des Geistes. Sie könnte auf eine weitestgehende Festlegung des Bestandes und des Ablaufs der gottesdienstlichen Elemente verzichten, ohne gewissermaßen auf Dauer schon wissen zu wollen, was Gott seiner Gemeinde und seine Gemeinde ihm je zu sagen hat. Daß es überhaupt menschlicherseits zu solch einem Geschehen kommt, das legt sie in der Tat fest. Darin wird auch eine offene Agende nicht ‘offen’, sondern nur stur sein können.”

Sympathie läßt Herlyn erkennen gegenüber einem Verständnis von Agenden, die Angebote machen und zur Inspiration dienen.

Wenn Gemeinde(gruppen) davon Gebrauch machten, könnte es so sein, daß sie sich jeweils “auf einen biblischen Text konzentriert von ihm her jeweils das ganze gottesdienstliche Geschehen inhaltlich und formal ordnet. Sie hätte die Freiheit, keinem letztlich zerstreuenden liturgischen ‘Pflichtprogramm’ mehr folgen zu müssen, sondern sich einer Aussage des biblischen Textes konzentriert anzuschließen, um von dort einen  die Gemeinde um die Sache sammelnden ‘liturgischen roten Faden’ je neu auszuspinnen.Dabei ist es nicht ausgeschlossen, daß ‘jeder einzelne Gottesdienst ...  Ein originales Gewächs’ wird, weil die Gemeinde eben grundsätzlich nicht mehr in einem agendarischen Korsett, sondern im offenen Feld einer ‘flexiblen Liturgie’ lebt; und dies, weil sie grundsätzlich nicht mehr ‘unter dem Gesetz’, auch nicht einem liturgischen, sondern ‘unter der Gnade’ steht.”

Wenn sich Gemeinden hinsichtlich der Gottesdienstfeiern nicht mehr an dem Vorhandenen, sondern an dem orientieren, was möglich ist, so werden sich, ist Herlyn überzeugt, Fragen nach “traditionell” oder “modern” ebenso erledigen wie die nach “liturgischem Reichtum” oder “liturgischer Schlichtheit”.

Herlyn möchte sein Votum nicht verstanden wissen als grundsätzlich gegen jede Form von Wiederholung gerichtet; auch das Erstellen von Rahmenelementen kann sinnvoll sein. “Man wird sich aber jeweils sehr klar darüber zu sein haben, warum man es nun so oder so halten möchte, auf daß man nicht wieder in Begründungen zurückfalle, die jedenfalls theologisch nicht haltbar wären.”

Finger weg von Scheinargumenten wie der Rücksichtnahme auf die Schwachen oder die brüderliche Liebe! Das könne doch nur dort von Belang sein, wo Gottesdienst wesentlich als Darbietung verstanden und umgesetzt wird. Dagegen: “Eine je zu wählende Ordnung des Gottesdienstes wäre ... nicht das Ergebnis einer liturgischen Arbeit für die Gemeinde, die dann ihr gegenüber am Ende vielleicht mit ein paar Kompromissen ‘durchzusetzen’ wäre, sondern grundsätzlich nur als Ergebnis einer liturgischen Arbeit mit und in der Gemeinde möglich.”

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➑    Das Herz der Gemeinde

    Perspektiven einer Einsicht

Die “Mitte” der Gemeinde

“Eine Theologie der ‘sonntäglichen’ Gottesdienstes wird ihren Gegenstand am Ende ... genau daraufhin noch einmal zu bedenken haben, inwieweit in der Gottesdienstgestaltung die Dimension des ‘alltäglichen’ Gottesdienstes bereits mit angelegt ist.”

Es geht also um Ethik, und zwar nicht nur als Bestandteil der Verkündigung. Es geht um Gemeindeaufbau, deren wichtiger Bestandteil die Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes unter obiger Perspektive ist.

Dieser wurde bisher stets der “erste Schritt” genannt. “Aber die gottesdienstliche Gemeinde bricht in den ‘Alltag der Welt’ ja nicht gewissermaßen auf Nimmerwiedersehen auf, sondern kehrt aus diesem ‘alltäglichen’ Gottesdienst ja auch immer wieder in den ‘sonntäglichen’ zurück. Insofern ist dieser nicht nur der erste, sondern gleichzeitig auch der jeweils vorläufig letzte Schritt jenes Weges, nicht nur Aufbruch, sondern gleichzeitig auch Ankunft.”

Klassischerweise spricht die Theologie von “Sammlung” und “Sendung” und nennt den Sonntagsgottesdienst “die Mitte der Gemeinde” - wobei das allerdings problematisch ist, weil damit oftmals eine statische Vorstellung von Zentrum und Peripherie verbunden ist, “in der Christus erst zur Herrschaft gebracht werden müßte.” “Der ‘sonntägliche’ Gottesdienst kann aber nur insofern als ‘Mittelpunkt’ bezeichnet werden, als die in ihm dargestellte ‘Hauptsache’ eben als die Hauptsache auch des ‘alltäglichen’ Gottesdienstes, ja letztlich der ganzen, auch profanen Wirklichkeit zur direkten Darstellung kommt.” Zusätzlich beschädigt der Umstand, daß nur eine kleine Minderheit der Kirchenmitglieder sonntäglich am Gottesdienst teilnimmt, die Glaubwürdigkeit der Redeweise von selbigem als “Mitte der Gemeinde”. Herlyn mahnt ein dynamisches Gottesdienstverständnis gegenseitiger Durchdringung von Sonn- und Alltag an. Er setzt sich ausführlich und kritisch mit der Konzeption sogenannter “Zielgruppengottesdienste” auseinander, die er - wenn anders, nämlich neutestamentlich begründet (worauf aber in der Regel verzichtet werde) - für durchaus legitimierbar hielte, wenn darüber nicht der Blick auf das Ganze der Gemeinde und ihrer Mitte verloren ginge.

Es genüge nicht, an Symptomen herumzudoktern, postuliert er und stellt die Frage in den Raum: “Woran liegt es denn, wenn der Gottesdienst faktisch von der überwiegenden Mehrzahl der getauften Christen boykottiert wird?”

Was wie eine Wendung von der Not zur Tugend wirkt, erscheint Herlyn bei näherer Betrachtung doch nur einer Mengenmaximierung und damit möglichster Bewahrung volkskirchlicher Strukturen und Traditionen verpflichtet. “Uns scheint, das Konzept des zielgruppenorientierten Gottesdienstes beruht im tiefsten nicht auf einer angefochtenem, vom Evangelium angefochtenen Theologie.”

So kehrt er bewußt zurück zu der Bezeichnung des Gottesdienstes als Mitte der Gemeinde - aber nicht im Sinne einer “Hauptversammlung”, sondern: “Wenn ..... der Gottesdienst allererst ein bestimmtest Geschehen ist, ‘wo und wann es Gott gefällt’, dann kann der Sinn der Rede von der ‘Mitte der Gemeinde’ nur in diesem Geschehen selbst liegen; dann ist die eigentliche ‘Mitte der Gemeinde’ nicht irgendeine menschliche Veranstaltung, sondern einzig und unverfügbar Jesus Christus selbst; dann ist die eigentliche ‘Hauptsache’ nichts anderes als das ‘Haupt’, das sich wohl an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Formen an den ‘Leib’ bindet, deshalb mit diesem aber noch lange nicht identisch ist.”

Von der “Mitte der Gemeinde” - theologisch korrekt - nur zu reden, ohne alles Menschenmögliche zu tun, ihn so zu gestalten, daß er aus seinem faktischen Nischendasein heraus in die Mitte der Gemeinde treten könne, geißelt Herlyn als ideologisch.

“Die aus theologischen Gründen nötige Rede vom Gottesdienst als ‘Mitte der Gemeinde’ nötigt ..... dazu, nun auch eine Gottesdienstgestaltung zu finden, die dem Wesen des Gottesdienstes als ‘Mitte’ entspricht” - und dazu muß sein Öffentlichkeitscharakter ernster genommen werden, als daß Zeiten, Orte uns Namen publiziert werden: “Öffentlichkeit als Kategorie der Entsprechung gottesdienstlicher Gestaltung im Hinblick auf das Wesen des Gottesdienstes als ‘Mitte’ meint in erster Linie die grundsätzliche Offenheit des ‘sonntäglichen’ zum ‘alltäglichen’ Gottesdienst, meint die Gestaltwerdung des sachlichen Zusammenhangs von erstem und zweitem Schritt.”

An dieser Stelle seiner Argumentationslinie angekommen, schlägt er vor, die Bezeichnung “Mitte der Gemeinde” zu ersetzen durch den Ausdruck “Herz der Gemeinde”, da durch dieses Bild “jene besondere, sozusagen ‘pulsierende’ Bewegung  vom ‘sonntäglichen’ zum ‘alltäglichen’ Gottesdienst sinnfällig werden könnte.”

Es gehe in der Öffentlichkeit des Gottesdienstes um ein Hin- und Zurückströmen von Substanz und nicht nur um gegenseitige Transparenz, betont Herlyn, der abschließend Walter Herrenbrück zitiert: “Gottesdienste sind in dem Maße öffentlich, wie (1) sie einem Außenstehenden ‘offen’ (was sowohl ‘in sich verstehbar’ als auch ‘einladend’ bedeutet) erscheinen, wie (2) Themen, die die Öffentlichkeit gerade bewegen, in den Gottesdienst einbezogen werden und wie (3) das, was Christen der Welt mitzuteilen haben, ermutigend und herausfordernd (und zum Mitnehmen) zu Wort kommt und erlebt wird.”

Die “Umkreise” des Gottesdienstes

“Die Art und Weise, wie eine Gemeinde mit ihrem Gottesdienst ‘umgeht’, welchen ‘Stellenwert’ sie ihm im Ganzen des gemeindlichen Lebens faktisch zumißt, konkret auch: wieviel Zeit, Mühe, Sorgfalt und Liebe sie der Vor- und Nachbereitung des Gottesdienstes zur Verfügung zu stellen bereit ist oder ob sie hier augenscheinlich mehr nebenbei, mehr aus Routine oder gar, ‘weil es halt sein muß’, handelt - in all dem wird sie last but not least einmal mehr zum treuen oder untreuen Zeugen der Wahrheit, die in eurer Mitte (Lk 17, 21) ist.”

Man merkt es, ist Herlyn überzeugt, einem ganzen Gemeindeleben an, “ob hier der Gottesdienst eben nur einer von vielen Zentren oder Epizentren oder aber wirklich das ‘Herz’ ist, von dem her diesem Leben wirklich und sichtlich ‘zuströmt Kraft und Lebenssaft’ und zu dem hin sich die Gemeinde als ihrer ‘integrierenden Mitte’ ausrichten, sich dafür verantwortlich wissen und auch einfach darauf freuen kann.”

Er kommt nun auf den Umkreis des Sonntagsgottesdiensts zu sprechen - und möchte gar nicht den Details des Gemeindeaufbaus vorgreifen, die hier zu erörtern wären, sondern bleibt zunächst einmal bei jenen Faktoren, die “den Hin- und Rückstrom” beeinflussen.

Vehement spricht sich Herlyn gegen eine gedankliche - theologisch auf schwachen Füßen stehende - Festlegung allein auf den Sonntag aus, da es doch entscheidend sei,  “wo und wann es Gott gefällt”, mitten unter denen zu sein, die sich in Jesu Namen versammeln; gleichwohl ist nicht nur die Tradition von Gewicht, sondern sprechen vor allem praktische Gesichtpunkte wie der Status eines arbeitsfreien Tages für den ersten Tag der Woche.

Auch hinsichtlich der Uhrzeit ist Herlyn radikal pragmatisch und nennt die durchgängig EKD-weit übliche Gottesdienstzeit am Sonntagmorgen zwischen neun Uhr und elf Uhr , “reformatorisch gesprochen, auch nur eine ‘Menschensatzung’, die sich nüchtern daraufhin befragen lassen muß, inwiefern sie ‘Versammelte Gemeinde’ wirklich ermöglicht und nicht etwa erschwert.”

Zurückzuweisen sei die Forderung, auch zu unbequemen Zeiten den Gottesdienst aufzusuchen, wenn einem dieser etwas wert sei: “Die Gottesdienstteilnahme ist eben kein frommes Werk oder asketische Übung, sondern der Gehorsam gegenüber einem Ruf, der zu einer Stunde ergehen sollte, in welcher die Gemeinde ihm möglichst ohne werkhafte Vorleistung folgen kann.” Bei allem Respekt vor und für den künstlerischen Reichtum sehr vieler Kirchen, müssen sich Kirchengebäude “grundsätzlich die Frage gefallen lassen, ob die in ihnen anzutreffende außen- und innenarchitektonische Gestaltung nicht eher einem anderen, kultischen, vom ‘Alltag der Welt’ abgesonderten Gottesdienstgeschehen dienstbar ist” als dem Zweck, daß sich Gemeinde unter Gottes Wort versammelt.

“Vermag das, was hier zu sehen ist, ein Teil der authentischen Antwort der sich an diesem Ort Versammelnden zu sein, oder ‘tobt’ sich hier der Geschmack einiger weniger ‘aus’?”

Herlyn argwöhnt, daß “Sakralkunst” am Ende dem falschen Zweck diene, der Kunst einen Tempel zu errichten. Auch die Prinzipalien sowie Art und Umfang der Bestuhlung werden einer kritischen Sichtung unterzogen, immer mit der Fragestellung, was denn die Gemeinde zu tun beabsichtige, wenn sie sich so und so einrichtet.

Dann kommt er noch einmal auf die schon ganz zu Beginn thematisierte Atmosphäre zu sprechen: “Der Gabe zur Unterscheidung der Geister, in diesem Fall: zur Unterscheidung einer dem gottesdienstlichen Geschehen förderlichen ‘Atmosphäre’ von einer diesem Geschehen in der Regel eher abträglichen ‘Stimmung’, wird sie, ohne Schaden zu nehmen, nicht entraten können.”

Dann plädiert er erneut für eine Öffnung des Gottesdienstes nach vorn und hinten, da dieser nicht mit dem Orgelvorspiel beginne und mit dem Orgelnachspiel ende. Man könne sich zum gemeinsamen Kirchgang verabreden oder einander abholen, die Eingangsphase kommunikativ gestalten und natürlich auch nach dem Ende des eigentlichen Gottesdienstgeschehens noch beieinander bleiben.

“Konstituiert sich die Gemeinde im Gottesdienst, so kann es grundsätzlich kein Gemeindeleben ohne Gottesdienst geben. Die sachliche Notwendigkeit dieses Zusammenhangs kann man nicht mit moralischem Druck ..... oder repressiven Maßnahmen ..... herstellen, sie muß sich vielmehr aus der ‘Mitte’ selbst heraus erweisen. Ist der ‘sonntägliche’ Gottesdienst wirklich ‘Herz’, d.h. gehen von ihm wirklich lebensnotwendige Impulse aus und gehen in ihn wirklich lebensnahe ‘Realitäten’ ein, so erübrigt sich eine offene oder sublime Kirchenzucht von selber.”

Herlyn entfaltet nun abermals das Verhältnis von sonntäglichem und alltäglichem Gottesdienst als eine wechselseitige Durchdringung von Sonntag und Alltag im Licht des Evangeliums und proklamiert: “Ein gottesdienstorientierte Gemeindeaufbau scheint uns die vorläufig letzte Perspektive einer konsequenten Theologie der Gottesdienstgestaltung zu sein.” Zugleich lehnt er eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Modellen und Entwürfen solange ab, wie ein “Minimalkonsens” in dieser Sache fehlt.

Er spricht dann das “Zu-Gehen” der Gemeinde an und verwahrt sich dagegen, etwa Kinder und Jugendliche “an den Gottesdienst heranführen”, d.h. sie an die gängige Praxis gewöhnen, zu wollen. “Das Zu-Gehen der Gemeinde auf ihren Gottesdienst kann ... nie etwas anderes sein als die Rückkehr des verlorenen Sohnes (vgl. Lk. 15, 20), d.h. ein Zu-Gehen, das entscheidend davon geprägt ist, daß da bereits etwas auf einen zukommt. Ein Gottesdienst, der sich nicht von sich aus dem Ankommenden erschließt, der der Gemeinde nicht entgegenkommt, ein Gottesdienst, der in seiner ganzen Gestaltung so angelegt ist, daß die auf ihn Zugehenden erst intellektuelle Werke vollbringen müssen, um an ihm wirklich teilnehmen zu können, ein solcher Gottesdienst kann jedenfalls nicht den Anspruch erheben, ‘Mitte’ und ‘Herz’ seiner Gemeinde zu sein.”

Das alltägliche Gemeindeleben spielt sich, zugegebenermaßen, in zahlreichen Gruppen und Kreisen ab. “Im Hinblick auf das ‘Leib’-Sein der Gemeinde wird man ihr alltägliches Leben ... allenfalls unter dem Gesichtspunkt der ‘Gliederung’, keinesfalls unter dem der ‘Verkreisung’ begreifen können.”

Er spricht sich für den Begriff der “Konziliarität” aus, wo es um die Kommunikation sehr unterschiedlicher Überzeugungen und Glaubensformen, sehr verschiedener situationsbedingter Hör- und Sichtweisen innerhalb der Gemeinde geht; er nennt die Gemeinde - in Anlehnung an das “Apostelkonzil” (Apg 15, 1ff.; Gal 2, 1ff.) - “dann ‘konziliar’, wenn sie gerade in der Verschiedenheit und Vielfalt ihrer Glieder kommunizierend beieinanderbleibt, ihr Gottesdienst also zur ‘integrierenden Mitte’ wird.”

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Ein möglicher Ausblick

- oder wenn man es so nennen möchte: eine Utopie - schließt das Buch ab. Herlyn nimmt die Leser*innen mit zu einem Gottesdienst in einem Gemeindezentrum, der von vielen engagierten Menschen vorbereitet und verantwortlich gestaltet wird, bei dem alle Generationen und viele Themen, vor allem auch aus dem unmittelbaren Umfeld, Platz haben und in dem passive “Konsumenten” nicht vorkommen.

Ob es ein Zufall ist, daß in kirchenmusikalischer Hinsicht vom Singen und von Jugendlichen mit Gitarren, nichts aber von Orgelmusik zu hören ist?

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Abschließende Bemerkung Schaar:

Vor 32 Jahren hat Herlyn dieses Buch der (theologisch interessierten) Öffentlichkeit vorgelegt. Manches, was damals noch wie Zukunftsmusik klang, wurde mittlerweile gründlich erprobt, etliche partizipative Elemente haben Eingang gefunden in die gottesdienstliche Praxis zahlreicher Gemeinden.

Dennoch scheint mir - bei mittlerweile zahlenmäßig zugespitzter Problematik des “Gottesdienstboykotts” - das Grundproblem, die analysierte Not unserer Gottesdienste, fortzubestehen: Noch immer haben wir mit einem gravierenden Relevanzproblem zu kämpfen, steht der Heilsindividualismus und die Erwartung einer (wie auch immer gearteten) “Darstellung” - oder noch schärfer: eines anregenden Programms, das am häufigsten auf der kirchenmusikalischen Ebene ansprechende Umsetzung findet - dem hier vorgelegten kommunikativen Konzept entgegen. Es ist schmerzlich, Herlyns Grundannahme mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen in Übereinstimmung zu finden: Es mangelt, so scheint auch mir, in erster Linie daran, daß Gemeinden (einschließlich ihrer hauptamtlichen Beschäftigten, darunter selbstverständlich auch Theolog*innen) ganz offenbar nicht erwarten, es im Gottesdienst mit dem lebendigen Gott zu tun zu bekommen.

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